„Die Bedeutung von arbeitsorientierter Grundbildung hat in den letzten Jahren stark zugenommen“

Frage: Herr Prof. Dr. Plünnecke, wie hat sich aus Ihrer Sicht die Bedeutung von arbeitsorientierter Grundbildung verändert?

Prof. Dr. Axel Plünnecke, Leiter des Clusters Bildung, Innovation, Migration am Institut der deutschen Wirtschaft: Die Bedeutung von arbeitsorientierter Grundbildung hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Wir haben steigende Anforderungen an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durch die Digitalisierung. Dazu rücken Jahrgänge in den Arbeitsmarkt nach, bei denen wir von der PISA-Studie wissen, dass diese größere Herausforderungen bei der Sicherung der Grundbildung mitbringen. Viele haben Probleme beim Umgang mit Texten, dem Umgang mit Sprache, mit grundlegenden mathematischen Kompetenzen. Das heißt, wir haben einen steigenden Bedarf an Maßnahmen und auch eine steigende Bedeutung, weil die Anforderungen im Arbeitsleben komplexer werden.

 

Frage: Welche Erfolge sind in den vergangenen Jahren im Bereich der arbeitsorientierten Grundbildung erzielt worden?

Prof. Dr. Plünnecke: In den letzten Jahren ist es durch Projekte wie AlphaGrund gelungen, Unternehmen stärker zu sensibilisieren für das Thema, dass in den Betrieben viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Grundbildungsdefizite aufweisen. Und dass man hier durch gezielte Förderungen die Kompetenzen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entwickeln und sie auch wieder für die Weiterbildung gewinnen kann.

 

„Betriebe müssen ihre Belegschaften in den Wandel mitnehmen“

Frage: Warum ist es so wichtig für Unternehmen, dass ihre Mitarbeitende ausreichende Grundkompetenzen haben?

Prof. Dr. Axel Plünnecke: Auf die Betriebe kommen durch viele gleichzeitig stattfindende disruptiv wirkende Veränderungen ein starker Anpassungsdruck zu. Geschäftsmodelle und Tätigkeitsprofile müssen verändert werden.  Und dies betrifft viele Bereiche – beispielsweise im Handwerk, in der Logistik oder im Garten- und Landschaftsbau – in denen auch Geringqualifizierte oder Erwachsene mit geringer Literalität arbeiten, die einen tollen Job machen, aber deren Tätigkeiten sich jetzt zunehmend verändern werden.


Frage:
Inwiefern?

Prof. Dr. Axel Plünnecke: Man muss beispielsweise über digitale Eingabegeräte kommunizieren, digitale Lagersysteme bedienen, es müssen Fehler vermieden werden, Prozesse müssen funktionieren und Betriebe flexibel reagieren können. Von daher müssen Betriebe ihre Belegschaften mitnehmen in den Wandel, die Beschäftigten müssen sich für diese Veränderungen qualifizieren und eine ausreichende Grundbildung erreichen – denn die ist leider nicht immer gegeben. Hier muss noch mehr unterstützt werden, und dafür ist der Arbeitsplatz ein guter Ort.

Frage: Warum?

Prof. Dr. Axel Plünnecke: Erwachsene mit geringen Grundkompetenzen haben oft verlernt zu lernen. Da fällt der Neuanfang in der gewohnten Umgebung am Arbeitsplatz leichter, dort hat man seine Stärken, bringt ein anderes Selbstvertrauen mit und begegnet auch der Lehrkraft stärker auf Augenhöhe. Wenn ich dann anfange, bestimmte Texte wie Arbeits- oder Sicherheitsanweisungen zu verstehen und direkt erkenne, warum ich das lerne und was mir das bringt, dann entstehen nachhaltige Erfolgserlebnisse und es entwickelt sich Selbstwirksamkeit. Das ist der große Vorteil des Lernens am Arbeitsplatz.

Arbeitsorientierte Grundbildung kann Menschen unglaublich gut in einen Bildungspfad hineinbringen“

Frage: Was kann arbeitsorientierte Grundbildung noch leisten?

Prof. Dr. Axel Plünnecke: Arbeitsorientierte Grundbildung kann Menschen unglaublich gut in einen Bildungspfad hineinbringen, weil sie so niedrigschwellig ist. Ich kann Menschen, die schlechte Erfahrungen in der Schule gemacht haben, die vielleicht Angst vor Klassenräumen haben, wieder für Weiterbildung gewinnen, sie aus einer Starre lösen. Danach müssen aber die ersten Lernerfolge genutzt werden und in Richtung weiterer Qualifizierungsbausteine entwickelt werden – und da sind dann natürlich auch andere Lernorte interessant, die dann auch schulischer geprägt sein können. Aber wichtig ist dieser erste Schritt mit der schnellen Sichtbarkeit des Nutzens und des Erfolges. Das sehen wir auch in den Befragungen der Teilnehmenden von arbeitsorientierten Grundbildungsangeboten. Die sagen, zum ersten Mal haben sie wieder Erfolgserlebnisse im Zusammenhang mit Lernen, sie trauen sich danach mehr Weiterbildung zu. Das ist sehr positiv.

 

Frage: Warum sollten Unternehmen Grundbildungsmaßnahmen am Arbeitsplatz durchführen?

Prof. Dr. Plünnecke: Wir sehen aus den Befragungen, dass sich vor allem Unternehmen mit großen Rekrutierungsproblemen noch mal intensiver dem Thema der arbeitsorientierten Grundbildung widmen. Die Grundbildungsangebote helfen, die Mitarbeitenden flexibel zu machen für die Anforderungen, die sich am Arbeitsplatz stärker verändern. Aber auch Mitarbeitendenbindung, Mitarbeitendenmotivation sind ganz wichtige Aspekte, warum Unternehmen verstärkt in Grundbildung investieren.

 

Frage: Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um in arbeitsorientierte Grundbildung zu investieren?

Prof. Dr. Plünnecke: Ja, jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Und die nächsten Jahre sind ganz wichtig dafür, dass wir die Beschäftigungsfähigkeit der Menschen sichern. Es wird große Umbrüche am Arbeitsmarkt geben. Es werden auch Arbeitsplätze wegfallen, es wird Veränderungen geben am Arbeitsplatz. Der Arbeitsplatz wird anders, viele Beschäftigte müssen den Arbeitsplatz wechseln. Umso wichtiger, dass man durch arbeitsorientierte Grundbildung die Grundlagen für Beschäftigungsfähigkeit schafft, damit in der Transformation nicht die Potenziale verloren gehen.

„Wichtig ist die Sensibilisierung, dass es einfach in vielen Betrieben Personen mit Grundbildungsdefiziten gibt“

Frage: Wie kann man Unternehmen die Vorteile von arbeitsorientierter Grundbildung noch näherbringen?

Prof. Dr. Plünnecke: Ungemein wichtig ist die Sensibilisierung, dass es einfach in vielen Betrieben Personen mit Grundbildungsdefiziten gibt und dies nicht immer leicht zu erkennen ist. Auch Mitarbeitende mit Grundbildungsdefiziten machen einen sehr guten Job und haben auch gute Strategien entwickelt, damit ihr Förderbedarf nicht auffällt. Der Bedarf fällt oft erst dann auf, wenn sich plötzlich Arbeitsabläufe ändern und es vielleicht digitaler wird – und dann gibt es Probleme. Natürlich ist auch eine finanzielle Unterstützung für viele Betriebe – gerade kleine und mittlere Unternehmen – wichtig. Und passgenaue Angebote, die zum Arbeitsplatz und der Situation vor Ort passen. Aber auch das Darstellen von guter Praxis ist wichtig, um die Unternehmen abzuholen und ihnen zu zeigen, wie es gehen kann.

 

Frage: Was braucht es noch?

Prof. Dr. Plünnecke: Ich glaube, die Kurse selbst oder die Kurskosten sind das geringste Problem, die kann ich im Weiterbildungsmarkt finanzieren, nachdem die Unternehmen nach einem ersten, vielleicht noch stärker geförderten Kurs, den Nutzen erkennen können. Es braucht als ersten Schritt gute Lernangebote mit einem Umfang von 10 bis 20 Stunden, um Personen über Schulungen am Arbeitsplatz in Weiterbildungsstrukturen hineinzubringen. Es braucht dann die Zusammenarbeit von verschiedenen Akteuren vor Ort, die übernehmen und mit den Menschen dann gemeinsam einen Bildungspfad beschreiten. Es braucht diese Kümmererstrukturen, es braucht Akteure, die vernetzen, die Brücken bauen, die dafür sorgen, dass der nächste übernehmen kann. Diese Infrastruktur muss geschaffen werden. Und für diese Kümmererstrukturen wird es eine öffentliche Förderung brauchen, da diese Strukturen bei weniger gut skalierbaren – also stärker individuell zugeschnittenen – Angeboten schwieriger direkt am Weiterbildungsmarkt refinanziert werden können.

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