„Der Erwerb von Grundkompetenzen ist alternativlos, sonst wird man in diesem Arbeitsmarkt kaum Fuß fassen“

Frage: Frau Thietz, welche Bedeutung hat das Thema Grundkompetenzen für Ihre Arbeit?

Simona Thietz: Ich bin seit 30 Jahren in der Arbeitsvermittlung tätig – und alle, die in der Arbeitsvermittlung oder in der Leistungsgewährung arbeiten, kommen mit dem Thema in Berührung. Denn mangelnde Fähigkeiten im Lesen, Schreiben oder Rechnen können eine Ursache dafür sein, dass jemand keine Arbeit findet, obwohl alle anderen Rahmenbedingungen stimmen. Hinzu kommt, dass sich das Jobcenter Neukölln – zufälligerweise kurz nach meinem Start dort im Jahr 2017 – entschieden hatte, sich für das Alpha-Siegel zu bewerben. Anschließend startete Anfang 2018 der Prozess, um die Anforderungen dafür zu erfüllen. Dazu gehörten unter anderem Schulungen für die Mitarbeitenden oder grundbildungssensible Wegweiser im Gebäude. Das Thema Grundkompetenzen begleitet mich also schon seit geraumer Zeit. Das Alpha-Siegel hat uns jedoch eine neue Perspektive auf das Thema eröffnet. Es hat uns dabei geholfen, eine größere Sensibilität, auch im Hinblick auf die Ausmaße der geringen Literalität zu entwickeln. Zudem beschäftigen wir uns intensiver damit, wie wir in der Beratung gemeinsam mit den Kundinnen und Kunden Lösungen erarbeiten können.

 

Frage: Wie hat sich denn der Stellenwert von Grundkompetenzen in Ihrem Bereich im Laufe der Zeit verändert?

Simona Thietz: Fehlende Grundkompetenzen sind ein großes Hemmnis, um den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu schaffen. In den letzten Jahren sind sie ein noch größeres Hindernis geworden, weil sich der Arbeitsmarkt verändert hat. Die Art und Weise, wie wir arbeiten, verändert sich auf allen Qualifikationsniveaus: Selbst bei einfachen Tätigkeiten ist es wichtig, lesen zu können oder sich per E-Mail zu verständigen. Es gibt mittlerweile viele Anforderungen, die es vor 5, 10 oder 20 Jahren in diesem Ausmaß noch nicht gab – und die diese Menschen in der Regel nicht erfüllen können.

„Es gibt deutlich weniger Jobangebote für Helferinnen und Helfer als noch vor einigen Jahren“

 

Frage: Welche Auswirkungen haben diese Veränderungen ganz konkret?

Simona Thietz: Es gibt deutlich weniger Jobangebote für Helferinnen und Helfer als noch vor einigen Jahren. Arbeitgeber suchen zunehmend nach Fachkräften. Fehlen grundlegende Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben oder digitale Kompetenzen, sind die Chancen, eine Arbeit zu finden, erheblich eingeschränkt. In Neukölln betreuen wir etwa 40.000 erwerbsfähige Leistungsberechtigte, von denen rund ein Viertel keinen Schulabschluss hat. Man kann davon ausgehen, dass ein nicht unerheblicher Teil von ihnen nicht gut lesen oder schreiben kann. Besonders bei den unter 25-Jährigen erleben wir, dass auch viele trotz eines Schulabschlusses nur geringe Fähigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen mitbringen. Für sie wäre der erste Schritt in ein selbstbestimmtes Leben eine Berufsausbildung – aber diese ist in diesen Fällen oft noch weit entfernt. Hinzu kommt, dass die Mitarbeitenden oft erst nach mehreren Gesprächen in der Lage sind, ein Defizit in diesem Bereich zu erkennen. Leider ist es immer noch mit Scham verbunden, wenn man diese Fähigkeiten nicht ausreichend hat.

 

Frage: Wie sensibilisieren Sie Ihre Mitarbeitenden für diese Thematik?

Simona Thietz: Im Vorfeld der Zertifizierung mit dem Alpha-Siegel, das wir seit 2020 tragen, gab es vom damaligen Grundbildungszentrum Berlin (Anm. der Red.: jetzt Stiftung Grundbildung Berlin) spezielle Qualifizierungen für unsere Mitarbeitenden, die in der Beratung tätig sind. Dies war eine Voraussetzung, um das Alpha-Siegel überhaupt zu erhalten. In diesen Qualifikationen ging es um Themen wie: Wie erkenne ich Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben? Wie gehe ich darauf sensibel darauf ein, ohne dass sich die betroffenen Menschen schämen? Welche Angebote stehen zur Verfügung und an wen kann ich verweisen? Die Schulungen waren ein erster Schritt.

 

Frage: Was folgte dann noch?

Simona Thietz: Darüber hinaus wurden einige Kolleginnen und Kollegen zu Alpha-Lotsen ausgebildet. Diese sind durch einen entsprechenden Hinweis an ihrer Bürotür erkennbar. Einerseits können sich Menschen mit Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben vertrauensvoll an die Alpha-Lotsen wenden, andererseits sind die Lotsen auch Ansprechpartner für andere Kolleginnen und Kollegen, wenn diese Fragen haben. Ein weiterer Aspekt ist, dass wir durch das Alpha-Siegel beispielsweise auch eine grundbildungssensible Beschilderung haben. Diese sichtbare Auseinandersetzung mit dem Thema hat insgesamt zu einer größeren Sensibilität in unserem Haus geführt.

„Wenn es erst eine Qualifizierung erfordert, um nachhaltig und dauerhaft eine Beschäftigung zu finden, dann setzen wir da an“

 

Frage: Welche Möglichkeiten hat das Jobcenter, Grundkompetenzen zu fördern?

Simona Thietz: Eine Möglichkeit ist eine Weiterbildungsmaßnahme zum Erwerb von Grundkompetenzen in Vorbereitung einer Umschulung. Dies wird beispielsweise über Bildungsgutscheine finanziert. Wenn man aber bedenkt, dass eine Umschulung im Schnitt zwei Jahre dauert, dann ist das schon eine Herausforderung. Zudem muss man bereits ein gewisses Maß an Grundkompetenzen mitbringen, da es eher eine Auffrischung ist als eine Maßnahme, die auf einem ganz niedrigen Niveau ansetzt. Generell kommt eine Finanzierung über Bildungsgutscheine bei uns eher in geringerem Umfang vor.

 

Frage: Was ist denn häufiger?

Simona Thietz: Es gibt verschiedene kostenlose Kurse, die über das ESF-Plus-Programm gefördert werden und auf unterschiedliche Zielgruppen abzielen. Wir verweisen Kundinnen und Kunden zudem häufig an die Volkshochschule oder an den Verein Lesen und Schreiben e.V. Das hat den Vorteil, dass dort gleichzeitig auch eine Beratung stattfindet, an welcher Stelle man ansetzen sollte bzw. welche Qualifizierungsform am geeignetsten ist. Wir unterstützen dies zusätzlich, indem wir den Menschen die Möglichkeit geben, sich in Ruhe dem Erwerb von Grundkompetenzen zu widmen. Denn üblicherweise wäre jemand, der Bürgergeld bezieht, verpflichtet, alle Chancen zu nutzen, um seine Hilfsbedürftigkeit zu verringern – also sich um Arbeit zu bewerben. Wenn es aber erst eine Qualifizierung erfordert, um nachhaltig und dauerhaft eine Beschäftigung zu finden, dann setzen wir da an. In solchen Fällen hat eine Qualifizierung Vorrang vor einer Bewerbung.

 

Frage: Das Jobcenter Neukölln ist Mitglied im Berliner Kooperationsverbund Arbeitsorientierte Grundbildung, der vom Projekt „BerKo“ initiiert wurde. Was sind die Gründe dafür und was erhoffen Sie sich für Ihre Institution?

Simona Thietz: Wir sind auch im Alpha-Bündnis Neukölln vertreten und für uns war es eigentlich ganz selbstverständlich, Kooperationspartner zu werden. Für uns ist der Netzwerkgedanke von ganz zentraler Bedeutung: Es ist enorm hilfreich, wenn verschiedene Partner wie Kammern, Arbeitgeber oder Bildungsträger zusammenkommen, da dadurch verschiedene Perspektiven einbezogen werden. Für uns konkret ist es wichtig, dass wir die Angebotsstruktur kennen. Zudem ist es für uns hilfreich, dass wir im Verbund den Kontakt zu Unternehmen halten. Denn dorthin wollen wir unsere Kundinnen und Kunden ja bringen – und außerdem betrifft geringe Literalität auch Beschäftigte. Es ist also gut, im Austausch mit den Arbeitgebern zu stehen. Wir versprechen uns zudem von den Grundbildungspfaden, die gerade im Projekt BerKo entwickelt werden, eine Struktur, die uns hilft, die richtige Ansprechperson zu empfehlen. Denn in der Praxis ist es häufig so, dass der Weg für jemanden, der Grundkompetenzen erwerben will, nicht ganz so linear ist, wie man es sich vielleicht vorstellt.

„Der Erwerb von Grundkompetenzen ist alternativlos, sonst wird man in diesem Arbeitsmarkt kaum Fuß fassen“

 

Frage: Was meinen Sie damit?

Simona Thietz: Nehmen wir an, jemand hat keine Berufsausbildung und die mangelnden Grundkompetenzen sind das Problem, eine dauerhafte Beschäftigung zu finden. Natürlich gibt es die bereits erwähnte Maßnahme, bei denen Grundkompetenzen im Vorfeld einer Umschulung erworben werden können. Diese Maßnahme wird dann über einen Bildungsgutschein gefördert. Das ist ein sehr linearer Weg. Aber so „einfach“ ist es häufig nicht, weil man erst einmal herausfinden muss, wie gut oder schlecht die Fähigkeiten im Lesen, Schreiben, Rechnen oder bei digitalen Anwendungen sind – und wo eine erfolgsversprechende Qualifizierung ansetzen muss. Das ist eben oft sehr individuell. Zudem ist es für die betroffenen Menschen oft ein großer Schritt, noch einmal einen Bildungsweg einzuschlagen und zu lernen. Das ist nicht einfach, da sie viele negative Erfahrungen mit der Schule und anderen Lernsituationen gemacht haben. Neulich hat mir jemand aus einer Beratung berichtet, in der der Satz fiel: „Entweder wir machen weiter – oder wir geben jetzt hier auf.“ Das beschreibt die Situation sehr treffend: Man muss Menschen ermutigen, Wege aufzeigen, Beratungsstellen benennen, nochmal Mut machen, nochmal nachfragen. Aber man muss auch klar sagen: Der Erwerb von Grundkompetenzen ist alternativlos, sonst wird man in diesem Arbeitsmarkt kaum Fuß fassen.

 

Frage: Wo besteht denn aus Ihrer Sicht noch Bedarf in dem Bereich der Alphabetisierung und Grundbildung? Fehlt Ihnen etwas oder muss sich etwas ändern?

Simona Thietz: Ich kann natürlich nur aus meiner Erfahrung in Berlin bzw. Neukölln sprechen – hier ist schon viel vorhanden. Ich glaube, wer sich entschieden hat, als Lernende oder Lernender etwas für seine persönliche Verbesserung zu tun, der findet auch Angebote und Gleichgesinnte. Nicht ganz einfach ist es für Arbeitgeber, die nur wenige Beschäftigte, keine große Personalabteilung oder größere Strukturen im Rücken haben. Da ist es herausfordernd, mit diesem Thema angemessen umzugehen. Dafür ist der Berliner Kooperationsverbund natürlich ein guter Weg, weil dort auch die Handwerkskammer, andere Betriebe und Bildungsträger beteiligt sind, die in diesem Netzwerk beraten und unterstützen können. Ich könnte aber tatsächlich nichts sagen, was systematisch fehlt. Ein großer Vorteil ist natürlich die Förderung der AlphaDekade und des Kooperationsverbunds, weil sie Fachleuten ermöglicht, sich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Wenn beispielsweise die Grundbildungspfade verfügbar sind, bekommen wie ein weiteres Werkzeug an die Hand, um Menschen passgenau zu unterstützen. Im Kern ist es eben diese Vernetzung, die so wertvoll ist, weil dadurch in Zusammenarbeit mit Partnern wie Kammern oder Arbeitgebern zusätzliche Ideen entstehen, die auch mal über standardisierte Lösungen hinausgehen.

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