„Die Bedeutung des Ehrenamts ist größer geworden“

Frage: Frau Morales, wie passen Ehrenamt und Grundbildung aus Ihrer Sicht zusammen?

Martina Morales, Lernende Region – Netzwerk Köln: Ehrenamtliche Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter in der Alphabetisierung und Grundbildung können eine sinnvolle Ergänzung zu bestehenden Kursangeboten sein. Sie sind nicht unbedingt pädagogisch geschult, sondern bringen ganz unterschiedliche Hintergründe mit. Uns ist es deshalb immer wichtig zu betonen, dass es sich um ein ergänzendes Angebot handelt.

Frage: Welche Vorteile bringt denn der Einsatz von Ehrenamtlichen?

Martina Morales: Es kann eine Entlastung für Kursleitende sein – zum Beispiel, wenn diese einen großen Kurs haben und einzelne Teilnehmende mit dem Tempo nicht mithalten können. In solchen Fällen können Ehrenamtliche unterstützen und Inhalte vertiefen. Sie können aber auch ein Türöffner sein, sich nochmal mit dem Erlernen der Schriftsprache auseinanderzusetzen.

Frage: Was meinen Sie mit „Türöffner“?

Martina Morales: Es gibt Menschen, die sehr schlechte Schulerfahrungen gemacht haben oder in Kursen waren, in denen sie sich nicht gut aufgehoben fühlten. Dann ist Lernen negativ besetzt. Wenn diese Personen nochmal Lesen und Schreiben lernen wollen, empfehlen wir ihnen eine ehrenamtliche Lernbegleitung. Das ist eine individuelle und vertrauensvolle 1:1-Lernsituation. Wenn die Lernenden nach zwei, drei Monaten Fortschritte machen und vielleicht doch in einen Kurs wechseln möchten, unterstützen wir sie dabei.

„Man lernt nur, wenn man Spaß am Lernen hat und sich wohlfühlt.“

Frage: Sie führen diese Lernbegleitung im Rahmen der Lernstudios durch. Wie kann man sich das vorstellen?

Martina Morales: Wir kooperieren mit der Stadtbibliothek. Unsere ehrenamtlichen Lerntandems treffen sich in einer der Kölner Stadtteilbibliotheken in einer 1:1-Lernsituation. Es ist kein offenes Angebot, sondern wir lernen beide Seiten vorher kennen, führen persönliche Gespräche und schauen, wer mit wem gut zusammenpasst. Wir berücksichtigen dabei verschiedene Faktoren wie den Lernbedarf oder den Lernwunsch, aber auch Rahmenbedingungen wie räumliche Nähe oder zeitliche Verfügbarkeit.

Frage: Wie geht es dann weiter, wenn Sie ein Lerntandem zusammengebracht haben?

Martina Morales: Wir organisieren ein erstes Kennenlerntreffen in der Bibliothek, bei dem auch immer eine Person aus unserem Team anwesend ist. Dabei geht es darum herauszufinden, wo die Interessen liegen und wo man beim Lernprozess ansetzen kann. Das kann ein Kinderbuch sein, das jemand dem Kind oder Enkelkind vorlesen möchte, oder ein berufliches Anliegen – etwa das Verstehen von Arbeitsunterlagen. Wir stellen daraufhin passendes Lernmaterial zusammen. Die Tandems treffen sich dann meist einmal pro Woche für 60 bis 90 Minuten. Wir halten uns in dieser Phase dann eher im Hintergrund, stehen aber immer zur Verfügung, wenn es Fragen gibt.

Frage: Was zeichnet dieses Format besonders aus?

Martina Morales: Es ist sehr individuell und es kann sehr gut auf die Wünsche und Bedürfnisse der Lernenden eingehen. Gleichzeit entsteht auch eine sehr enge und persönliche Situation des Lernens. Wir sagen, man lernt nur, wenn man Spaß am Lernen hat und sich wohlfühlt.

„Wir merken, dass es eine erhöhte Nachfrage nach ehrenamtlicher Unterstützung gibt.“

Frage: Wie bewerten Sie die Rolle des Ehrenamts in der Grundbildung insgesamt?

Martina Morales: Die Bedeutung des Ehrenamts ist größer geworden, es hat eine andere Relevanz bekommen. Wir merken, dass es eine erhöhte Nachfrage nach ehrenamtlicher Unterstützung gibt. Wir werden viel von Beratungsstellen, anderen Organisationen oder mittlerweile auch Ärztinnen und Ärzten angefragt, die Erwachsene kennen, die nicht direkt in einen Kurs gehen können oder wollen. Wir können dann mit der ehrenamtlichen Begleitung einen Einstieg anbieten.

Frage: Was hat die AlphaDekade im Bereich Ehrenamt bewirkt?

Martina Morales: Ohne die geförderten AlphaDekade-Projekte hätten wir das nicht aufbauen können. Es ist durch die Projekte entstanden und ausgeweitet worden. Wenn unsere hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht die zeitlichen Ressourcen gehabt hätten, wären wir nicht so weit gekommen, dass wir jetzt die ehrenamtlichen Lernbegleitungen in Kooperation mit der Stadtbibliothek umsetzen können.

Frage: Inzwischen ist die Förderung der entsprechenden Projekte beendet, die Lernstudios gibt es aber weiterhin. Wie können Sie diese weiterführen?

Martina Morales: Wir wollten das Angebot verstetigen, und es gab bereits länger Kontakte zu einem Unternehmen, das sich bei dem Thema schon zuvor eingebracht hat. Als aktiv-S Transfer auslief, haben wir uns zusammengesetzt und die Situation geschildert. Da das Unternehmen sich im Bereich des Social Sponsoring stärker engagieren wollte, haben die Verantwortlichen uns dann eine weitergehende Finanzierung zugesagt. Damit können wir jetzt erstmal bis Ende 2026 die Lernstudios weiterführen.

Frage: Wie viele Lerntandems begleiten Sie aktuell?

Martina Morales: Es gibt natürlich immer ein bisschen Fluktuation, aber es sind um die 30 Lernbegleiter/-innen, die sich bei uns engagieren. Einige unterstützen auch zwei Personen, so dass es derzeit rund 35 Lerntandems gibt. Inzwischen haben wir auch mehr Ehrenamtliche als vor der Pandemie, was uns sehr freut. Und es sind auch mehr Freiwillige geworden, die noch im Studium oder Beruf stehen und nicht mehr hauptsächlich Menschen im Ruhestand. Nach der Pandemie wurde ja viel über Vereinsamung gesprochen. Ich vermute, viele Menschen haben sich vorgenommen, etwas Sinnvolles dagegen zu tun und sich zu engagieren.

„Die Ehrenamtlichen wissen, dass wir sie jederzeit unterstützen“

Frage: Immer wieder kommt die Thematik auf, was Ehrenamtliche leisten können – und was eben nicht. Wie gehen Sie damit um?

Martina Morales: Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass wir immer als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Die Ehrenamtlichen wissen, dass wir sie jederzeit unterstützen. Dazu gehört eine Schulung, wenn jemand sich neu bei uns ehrenamtlich engagiert. Dazu gehört auch, dass wir regelmäßig alle Ehrenamtlichen zu Informations- und Austauschtreffen zu uns einladen. Dort können sie sich kennenlernen und auch untereinander über Schwierigkeiten und Erfolge in der Lernbegleitung unterhalten. Gleichzeitig können wir bei diesen Treffen auch Input geben.

Frage: Zum Beispiel?

Martina Morales: Das können neue Materialien sein, aber wir greifen inzwischen auch Themen auf, die die Ehrenamtlichen selbst einbringen. Beispielsweise haben wir über den Umgang mit ChatGPT gesprochen und Ehrenamtliche haben zu diesem Thema aus ihren Lernbegleitungen berichtet. Wir haben uns aber auch schon mit dem Thema Trauma beschäftigt, weil jemand einen hochtraumatisierten Lernenden hatte. Und es geht auch immer wieder um Fragen wie „Wie grenze ich mich ab?“, „Was ist mir zu viel“. Da gibt es klare Absprachen, was eine ehrenamtliche Lernbegleitung bedeutet, was dazugehört – und was eben nicht. Natürlich entwickelt sich in längeren Lernbegleitungen auch eine persönliche Beziehung. Es gibt aber auch immer wieder Situationen oder Problemlagen, die nicht in den Aufgabenbereich der Lernbegleiter/-innen fallen. In diesen Fällen vermitteln wir dann an Beratungsstellen weiter.

Frage: Wenn Sie zurückblicken: Gibt es denn Tandems, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Martina Morales: Ja, absolut. Eine Lernende kam aus einem Elternhaus, in dem Lesen und Schreiben keine Rolle spielten. Sie hatte große Schwierigkeiten – arbeitete aber in einer Kantine und wollte unbedingt selbst die Gerichte beschriften können. Sie kam zu uns, lernte, und hat es geschafft. Ein junger Mann mit großen Problemen beim Lesen und Schreiben hat fast zwei Jahre mit einer Lernbegleiterin gearbeitet. Vor kurzem hat er ein Praktikum gemacht und startet im September eine Ausbildung. Oder ein anderer Lerner, dessen Traumberuf Rettungsschwimmer war. Er hat lange geübt, die Prüfung bestanden und arbeitet jetzt tatsächlich als Bademeister. Es ist schön, wenn Menschen ihre Ziele erreichen.

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