© Laurentia Moisa
Frage: Frau Moisa, wie kam es dazu, dass sich der Caritasverband für das Thema Alphabetisierung und Grundbildung in Thüringen engagiert hat?
Laurentia Moisa, Referentin Abteilung Beratung und soziale Dienste, Caritasverband für das Bistum Erfurt e.V.: Der Thüringer Volkshochschulverband ist 2018 im Zuge der Projektplanung zur lebensweltlichen Grundbildung auf das Bildungswerk im Bistum Erfurt zugegangen. Das Bildungswerk, zu diesem Zeitpunkt bereits Mitglied im Thüringer Bündnis für Alphabetisierung und Grundbildung, schlug vor, den Caritasverband mit seinen sozialen Diensten und Einrichtungen als Projektpartner einzubinden. Schon nach den ersten Gesprächen hat der Caritasverband dann gesagt: Ja, das können wir uns vorstellen.
Frage: Der Caritasverband war in den Projekten GrukiTel und Gemeinsam. Grundbildung insgesamt sechs Jahre im Rahmen der AlphaDekade engagiert. Was haben Sie aus dieser Zeit für Ihre Organisation mitgenommen?
Laurentia Moisa: Eine wesentliche Maßnahme war zunächst, eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Alphabetisierung und Grundbildung zu unterstützen. In den ersten Jahren haben wir den Fokus auf Information und Sensibilisierung der Mitarbeitenden in den Beratungsstellen, Diensten und Einrichtungen gelegt, d.h. auf Zahlen, Fakten, Größenordnung und Ursachen rund um das Thema – und natürlich auf Möglichkeiten der Vermittlung in Lernangebote und Kurse. Ziel war es, dass sich die Mitarbeitenden sicherer fühlen, wenn das Thema im Beratungskontext aufkommt. Wichtig war, diese Informationen zunächst einmal in die Strukturen hineinzutragen. Mit der Zeit haben wir aber auch gemerkt, dass bloßes Informieren nicht ausreicht.
Frage: Inwiefern?
Laurentia Moisa: Informieren ist wichtig, aber als alleinige Maßnahme nicht nachhaltig genug. Deshalb haben wir im Projektverbund überlegt, wie eine mittel- und langfristige Beschäftigung mit dem Thema im Verband gelingen kann. Dabei war uns wichtig, die Erfahrungen und die Expertise der Mitarbeitenden in den Beratungen und sozialen Diensten einzubeziehen, ihre Anregungen und Fragen zu berücksichtigen. Und wir haben verstanden: Es braucht einen Austausch auf Augenhöhe zwischen den Fachbereichen der Erwachsenenbildung und der Sozialen Arbeit. Es geht nicht darum, dass ein Fachbereich den anderen „beschult“, es braucht Zusammenarbeit, Austausch, Gespräch und gemeinsame Reflexion.
Frage: Wie sah das in Ihrem Fall konkret aus?
Laurentia Moisa: Wir haben zum Beispiel über die Informationsschulungen hinaus thematische Workshops angeboten, zu denen wir sowohl Mitarbeitende aus der Erwachsenenbildung, als auch Mitarbeitende aus den sozialen Diensten eingeladen haben. Dort haben wir tätigkeitsbezogene Fragen und Aspekte der Mitarbeitenden aufgegriffen, etwa der Umgang mit einfacher, barrierearmer Sprache – ein Thema, dass Mitarbeitende beider Fachbereiche ganz praktisch betrifft. Ein anderes Thema war der Umgang mit Scham – auch mit der eigenen Scham – eine Person im Beratungsgespräch auf ihre Schwierigkeiten anzusprechen. Dieses interdisziplinäre Workshop-Format bot vielfältige Möglichkeiten für einen tätigkeitsübergreifenden, praxisnahen Austausch. Die Teilnehmenden haben hier voneinander lernen können.
„Es geht darum, Menschen bestmöglich zu unterstützen.“
Frage: Ist deshalb die Kooperation zwischen Bildungseinrichtungen und sozialen Diensten so wichtig?
Laurentia Moisa: Ja, denn am Ende geht es darum, Menschen bestmöglich zu unterstützen. Dafür braucht es die Expertise und Zusammenarbeit beider Fachbereiche. In den Beratungsstellen ist die Sensibilisierung für Alphabetisierung und Grundbildung wichtig, damit Mitarbeitende Sicherheit gewinnen im Umgang mit dem Thema und zum Beispiel auf Lernangebote verweisen können. Gleichzeitig bietet die soziale Arbeit Zugänge zu Menschen und ihren Lebenswelten. Davon kann die Erwachsenenbildung profitieren. Anderseits kann für Lehrkräfte in der Erwachsenenbildung die Expertise der sozialen Arbeit eine wichtige Unterstützung sein, wenn etwa persönliche Belastungen, Sorgen oder Probleme von Teilnehmenden aufkommen, die die Lehrkräfte nicht bewältigen können – und auch nicht sollen. Dann geht es darum: Was sind meine Aufgaben als Lehrkraft, und wo muss ich für mich eine Abgrenzung finden? Welche Beratungen und sozialen Dienste gibt es, an die ich Teilnehmende im konkreten Fall verweisen kann? Deshalb ist es wichtig, dass beide Fachbereiche in Austausch kommen, voneinander wissen und vernetzt arbeiten. Hier hat die AlphaDekade viel bewirkt. Ohne die Fördermaßnahmen wären viele Entwicklungen und Projekte nicht zustande gekommen. Auch nicht die zwölfteilige Videoreihe Mein Platz für Grundbildung.
Frage: Können Sie das näher erläutern?
Laurentia Moisa: Im Projekt „Gemeinsam. Grundbildung“ haben wir den Gedanken von Austausch und Begegnung weiterentwickelt. Wir haben gemeinsam als Projektpartner eine Videoreihe zum Thema Grundbildung entwickelt, in der Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven zu Wort kommen, u.a. Praktikerinnen und Praktiker aus Erwachsenenbildung und Sozialer Arbeit, Menschen, die in Lese- und Schreibkursen lernen, Vertreterinnen und Vertreter der Projektpartner auf Landes- oder Bundesebene. Hier ist ein Sensibilisierungsformat entstanden, das auch nach Projektende weiterwirken kann. Jeder Teil der Videoreihe behandelt einen konkreten Aspekt von Grundbildung und kann für eigene Sensibilisierungsvorhaben flexibel eingesetzt und angepasst werden. Die Auswahl der Interviewpartner wurde so breit angelegt, dass die Videoreihe sowohl umfassend informiert als auch vielfältige tätigkeitspraktische Bezüge herstellt und praxisbezogene Impulse anbietet. Ich kann Ihnen hierzu ein Beispiel geben.
Frage: Gerne! Welches Beispiel meinen Sie?
Laurentia Moisa: Mitarbeitende in Beratungsstellen haben wiederholt zurückgemeldet, dass sie ihre Klientinnen und Klienten zwar gerne in Lernangebote vermitteln würden, ihnen aber eine Adresse oder ein Kontakt zur Vermittlung oft nicht ausreicht. Sie wollen mehr darüber wissen, was in den Lese- und Schreibkursen gemacht wird, wie gelernt wird, bevor sie Klienten beraten und dorthin vermitteln. Daher haben wir eine Folge gestaltet, die sich explizit mit Lernen im Erwachsenenalter beschäftigt. Wir erläutern, wie die Kurse aufgebaut sind und was es braucht, damit Erwachsene gut lernen können. Für die Mitarbeitenden in den Beratungsstellen war also ein erweiterter Wissenstransfer wichtig, und zwar aus erster Hand, nämlich von Lernenden und Kursleitenden selbst. Das konnten wir im Rahmen der Videoreihe erfolgreich umsetzen.
„Wichtig war uns, dass wir die entstandenen Angebote fortsetzen und weiterentwickeln“
Frage: Kommen wir noch einmal zurück zu Ihrer Organisation: Wie wirkt sich die langjährige Beschäftigung mit Alphabetisierung und Grundbildung heute noch aus?
Laurentia Moisa: Wir haben natürlich Überlegungen angestellt, wie wir das Thema im Verband präsent und aktuell halten. Wichtig war uns, dass wir auch jenseits der Projektmaßnahmen die entstandenen Angebote fortsetzen und weiterentwickeln. Das betrifft zum einen die „Computerstube“, in der Klientinnen und Klienten im Rahmen eines offenen, niedrigschwelligen Angebots Unterstützung erfahren in der Erledigung von digitalen Aufgaben und Anlässen, zum Beispiel eine E-Mail-Adresse einrichten, E-Mails schreiben und versenden oder einen behördlichen Termin über eine Service-Plattform vereinbaren. Zum anderen führen wir ein Zeitungsprojekt in einem Tagestreff weiter, über das sich Klientinnen und Klienten aktiv einbringen können. Diese Angebote setzen wir mit eigenen Ressourcen und Mitteln fort.
Frage: Gibt es noch weitere Dinge, die umgesetzt wurden?
Laurentia Moisa: Eine wichtige Entscheidung war und ist die Mitgliedschaft im Thüringer Bündnis für Alphabetisierung und Grundbildung. Der Caritasverband ist der erste Wohlfahrtsverband in Thüringen, der die Mitgliedschaft wahrnimmt. Wir hoffen, dass weitere Verbände diesem Bündnisbeitritt folgen werden. Dieses partnerschaftliche Netzwerk sichert den regelmäßigen Austausch über aktuelle Entwicklungen in der Grundbildung und bietet zugleich die Möglichkeit für gemeinsame, fach- und bereichsübergreifende Aufgaben und Aktionen. Das Thema der Alphabetisierung und Grundbildung hat weiterhin einen festen Platz im Caritasverband. Wir bleiben verbindlicher Ansprechpartner für das Thema und arbeiten weiterhin eng mit dem Thüringer Volkshochschulverband und den VHS-Standorten zusammen. So konnten wir kürzlich wieder eine Frau in ein Lernangebot der VHS vermitteln, die über den Kontakt der Caritas um Rat und Unterstützung gebeten hatte. Wir als Projektpartner haben erfahren: Wenn soziale Einrichtungen und Dienste gut mit Trägern der Erwachsenenbildung zusammenarbeiten, sich gegenseitig kennen und wertschätzen, kann die Begleitung für Menschen mit Grundbildungsbedarf vielfältig und zuverlässig umgesetzt und gesichert werden.
Die Themen der Videoreihe Mein Platz für Grundbildung
Folge 1: Warum GEMEINSAM für Grundbildung?
Grundbildung wird in der Regel aus der Perspektive der Erwachsenenbildung beschrieben. Dabei sind in der Praxis oft verschiedene Fachbereiche und Disziplinen zusammen wirksam. Das Projekt GEMEINSAM.GRUNDBILDUNG fragt: Wie verstehen die Volkshochschulen ihre Aufgabe in der Grundbildungsarbeit? Welche Zugänge ermöglicht die Katholische Erwachsenenbildung? Welche Expertise bringt die Caritas als Wohlfahrtsverband ein?
Folge 2: Was heißt Grundbildung eigentlich?
Der Begriff Grundbildung hat seit einigen Jahren Eingang in die pädagogische Praxis gefunden, erweist sich jedoch in seiner Verwendung immer wieder als uneindeutig, manchmal sogar unverständlich. Warum ist das so? Was verstehen Menschen unter Grundbildung? Wie kann der Begriff verständlich beschrieben und verwendet werden?
Folge 3: Was sind Themen in der Grundbildung?
Angebote in der Grundbildung sind lebensnah und alltagspraktisch gestaltet. Die Teilnehmenden bestimmen die Lerninhalte und -prozesse in der Regel selbst. Doch was bedeutet das konkret? An welchen Themen lernen Menschen in Angeboten der Grundbildung? Wie erleben sie das Lernen im Erwachsenenalter? Und warum wirken Erfahrungen aus der Schulzeit so stark nach? Was bedeutet das letztlich für Lernprozesse im Erwachsenenalter?
Folge 4: Grundbildung in Kultur, Literatur und Sport
Motivation ist ein wichtiger Aspekt, um mit Interesse, Freude und Neugier zu lernen. GEMEINSAM. GRUNDBILDUNG fragt in dieser Folge: Wie werden Kultur und Freizeit mit Grundbildung praktisch zusammengeführt? Welche Zugänge und Lernerfahrungen bieten zum Beispiel Literatur und Poesie? Wie kann Fußball ein Türöffner sein in Grundbildungs- und Alphabetisierungsprozesse?
Folge 5: Wie ist Grundbildung organisiert?
Grundbildung ist längst gut organisiert. So gibt es zum Beispiel in jedem Bundesland eine Koordinierungsstelle für Grundbildung und Alphabetisierung. Gleichzeitig sind Strukturen und Angebote vielfach abhängig von verschiedenen Finanzierungsmodellen der Länder und den Förderbedingungen auf Bundesebene – eine Herausforderung für alle Beteiligten. Wie können wir die Grundbildungsarbeit mittel- und langfristig gestalten?
Folge 6: Wie sieht Grundbildung praktisch aus?
In den letzten Jahren zeigt sich Grundbildung immer vielgestaltiger. Neben regelmäßigen Kursen gibt es offene, niederschwellige Lernangebote. Lernberatung, Lerntandems und Einzelförderung ergänzen Gruppenangebote, digitale Übungsformen bereichern das analoge Lernen. Was macht diese Angebote aus? Welche Erfahrungen machen Menschen in und mit den Angeboten? Wie finden Menschen in diese Lernmöglichkeiten hinein?
Folge 7: Grundbildung in Alltag, Ausbildung und Beruf
Grundbildung berührt persönliche Entwicklungs- und Lebensphasen von Menschen. In dieser Folge fragt das Projekt: Wie können wir individuelle Lebens- und Lernprozesse unterstützen? Wie können Lernprozesse für Ausbildung und Beruf unterstützt werden? Welche Aufgabe kommt den Schulen zu? Spielen präventive Maßnahmen eine Rolle in der Grundbildungsarbeit?
Folge 8: Grundbildung und Lernbegleitung
Erwachsene in Prozessen der Grundbildung und Alphabetisierung zu begleiten, ist eine wichtige aber auch herausfordernde Aufgabe. Welche Rolle nehmen Lehrende ein? Wie begleiten und unterstützen sie Lernprozesse? Was zeichnet pädagogisches Handeln in Angeboten der Grundbildung und Alphabetisierung aus? Was sind zentrale Aspekte in der Qualifizierung und Professionalisierung?
Folge 9: Grundbildung in Beratung und sozialen Diensten
Soziale Dienste und Einrichtungen sind wichtige Partner für die Grundbildungsarbeit. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den sozialen Beratungen unterstützen Menschen bei der Lösung von Problemlagen. Sie informieren, bieten Hilfen an und vermitteln. Damit ermöglichen sie individuelle Formen und Zugänge zu Lernprozessen jenseits der formellen Bildungsangebote. Wie sehen diese Zugänge aus? Wie werden Themen und Aspekte von Grundbildung in soziale Hilfen integriert?
Folge 10: Grundbildung und Kommunikation
Verständlich kommunizieren, Informationen klar und zugänglich machen – ein wichtiger Aspekt in der Grundbildungsarbeit. Wie gestalten Einrichtungen und Dienste wichtige Informationen und Angebote für ihre Zielgruppen leicht verständlich? Wie „geht“ einfache Sprache? Welche praktischen Lösungen erleichtern Ansprache und Kommunikation noch?
Folge 11: Grundbildung und Öffentlichkeit
Das Thema der Grundbildung und Alphabetisierung braucht Aufmerksamkeit und öffentliche Wahrnehmung. Lernbotschafter/-innen spielen hier eine zentrale Rolle, indem sie von ihren Erfahrungen, ihren Bildungs- und Lebenswegen berichten und so wichtige Expertinnen und Experten für die Sensibilisierung sind. Darum geht es in dieser Folge: Wie sprechen wir über Grundbildung? Welche Botschaften senden wir? Welche Informationen sind wichtig? Wie können wir Themen der Grundbildung noch stärker öffentlich sichtbar machen?
Folge 12: Grundbildung braucht Zukunft!
Das Lernen endet nicht nach Schule und Ausbildung. In allen Lebensphasen lernen Menschen und suchen Zugänge zu Lern- und Bildungsprozessen. Wie schaffen wir es, dass Angebote für Grundbildung und Alphabetisierung dauerhaft möglich und zugänglich sind? Welche Perspektiven und Chancen haben sich in den vergangenen Jahren eröffnet? Welche Hoffnungen und Wünsche gibt es für die Zukunft?