Frage: Frau Cremer-Freis, Sie haben sich in Ihren Projekten viel mit alltagsbezogenen Materialien in der Alphabetisierung und Grundbildung beschäftigt. Wie kam es dazu?
Annelie Cremer-Freis, Projektleiterin Knotenpunkte für Grundbildung Transfer und InfraGruTrier: Wir hatten schon früh verschiedene Kooperationspartner, die mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen zusammenarbeiten – etwa mit Langzeitarbeitslosen, mit Migrantinnen und Migranten sowie mit jungen Erwachsenen und Auszubildenden. Vor diesem Hintergrund haben wir uns überlegt, welche Materialien für diese Menschen attraktiv sein könnten. Letztlich haben wir das Themenspektrum unserer Praxispartner aufgegriffen: zum Beispiel von Familiengrundbildung, über Ernährung, Kochen, Freizeitverhalten bis hin zu digitaler Grundbildung und „Lernen lernen“.
Frage: Warum ist es so wichtig, dass Lernende mit Themen aus ihrem Alltag lernen?
Annelie Cremer-Freis: Der Vorteil für die Praxispartner ist, dass sie mit diesen Themen eben gut auf die Interessen ihrer Teilnehmenden eingehen können. Sie bedienen den Bedarf, den sie in der täglichen Arbeit mit ihren Klientinnen und Klienten sehen. Wir haben die Materialien so weiterentwickelt, dass sie zusätzliche Lernanlässe schaffen und die Interaktion fördern. Positiv hervorgehoben wurde immer, dass diese Materialien zu einer guten Gruppendynamik führen. Sie aktivieren die Teilnehmenden zum Mitmachen – auch in Angeboten und Maßnahmen, in denen vielleicht die Motivation nicht immer so groß ist. Gerade bei Themen, die jeden betreffen oder betreffen könnten, können sich alle einbringen. Die Anknüpfung an den Alltag der Lernenden ist daher entscheidend. Für mich persönlich ist es ein Highlight, wenn man Menschen nicht nur beim Lesen und Schreiben unterstützt, sondern – wenn auch vielleicht nur ein bisschen – ihre Einstellung zum Lernen verändern kann. Es ist schön, wenn Teilnehmende merken, dass es Spaß machen kann, gemeinsam etwas zu erarbeiten.
Frage: Was ist Ihr „Bestseller“?
Annelie Cremer-Freis: Da gab es verschiedene Materialien, die in der Praxis gut angekommen sind. So zum Beispiel das Glossar in einfacher Sprache zur digitalen Grundbildung, Broschüren für Fachkräfte zur Familiengrundbildung oder die Impulskarten zu verschiedenen Alltagsthemen. Das sind die Materialien, die quantitativ am meisten nachgefragt wurden. Die größte Nachfrage kommt von Volkshochschulen, den Mehrgenerationenhäusern und Grundbildungszentren. Aber wir haben auch Nachfragen von berufsbildenden Schulen oder Lehrkräften aus dem Berufsvorbereitungsjahr, die sich insbesondere für das Thema „Lernen lernen“ interessieren. Aus dem Bereich der Familiengrundbildung sind es im erhöhten Maß auch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in Kitas, die froh sind, in der Arbeit mit Eltern auf diese Materialien zurückgreifen zu können.
„Ohne die AlphaDekade hätte man diese Aufgabe in dieser Intensität nicht bearbeiten können“
Frage: Was hat die AlphaDekade im Bereich der alltagsbezogenen Lehr- und Lernmaterialien bewirkt?
Annelie Cremer-Freis: Ohne die AlphaDekade hätte man diese Aufgabe in dieser Intensität nicht bearbeiten können – und damit meine ich nicht nur unser Projekt. In der AlphaDekade ist ein riesiger Fundus an Lehr- und Lernmaterialien entstanden, der sich konsequent an den Bedürfnissen der Erwachsenen ausrichtet. Da ist schon viel passiert, insbesondere für Menschen mit Alpha-Level 3, beispielsweise im Übergang Schule-Beruf. Gerade dort braucht es Motivation, um weiterzulernen und beruflich einen Fuß in die Tür zu bekommen. Und dabei helfen alltags- und anwendungsbezogene Materialien.
Frage: Welche Themen werden aktuell immer wichtiger?
Annelie Cremer-Freis: Ein Dauerbrenner ist „Lernen lernen“. In der Grundbildung sind Methoden für das eigene Lernen ganz zentral. Aus der Praxis kommt auch immer wieder die Rückmeldung, dass das Thema – ich nenne es mal – „Management von Familie“ immer wichtiger wird. Beispielsweise das Anmelden der Kinder für einen Kita-Platz oder die Begleitung der Kinder durch die Schulzeit. Viele Angelegenheiten haben mit Formularen zu tun, manche Aufgaben sind nur noch über Online-Portale oder eine App zu erledigen. Da spielt das Thema Digitalisierung natürlich eine immer größere Rolle – was in gleichem Maße auch für das Gesundheitssystem gilt. Dieses Familienmanagement wird immer komplexer – und Erwachsene, die nicht gut lesen und schreiben können, werden abgehängt. Die Hürden werden höher, und die Digitalisierung beschleunigt diese Dynamik noch. Das wird eine große gesellschaftliche Aufgabe, die Teilhabe an Bildung und Gesundheit sicherzustellen.
„Die Menschen suchen Unterstützung, wenn ein akutes Problem vor der Tür steht“
Frage: Bei der fortschreitenden Digitalisierung spielt Künstliche Intelligenz eine große Rolle. Inwieweit wirkt sich KI auf die Alltagsthemen beziehungsweise bei der Erstellung von Materialien aus?
Annelie Cremer-Freis: Ich glaube, dass es dort auch gute Einsatzmöglichkeiten für KI gibt. Wir haben verschiedene Lehrkräfte kennengelernt, die in diesem Bereich bereits sehr kreativ unterwegs sind. Ich habe kürzlich von einer Studie gelesen, wie mithilfe von KI ein Alltagsproblem in Form einer visuellen Mini-Story aufgegriffen wurde. Für diese Mini-Storys, die über Bilder erzählt werden, braucht man ganz bestimmte Elemente, die man gezielt über die KI generieren kann. Diese Mini-Storys werden als Impuls eingesetzt, anhand derer dann die Teilnehmenden an verschiedenen Fragestellungen gearbeitet haben. Das hat mich überzeugt, weil man genau das bekommt, was man in dem Moment braucht. Auch die Erstellung von Aufgaben wie Lückentexte oder Ähnliches kann man mit der KI gut auf die Interessen der Gruppe abstimmen. Wenn man mit Lernenden das Thema KI bearbeiten will, muss man natürlich auch auf die Risiken in der Nutzung hinweisen – und das geht dann in Richtung Medienkompetenz: Wie erkenne ich FakeNews? Wie prüfe ich, ob Quellen serös sind? Dieser Bereich betrifft aber nicht nur die Lernenden aus der Grundbildung, sondern alle Bevölkerungsschichten, einschließlich uns als Bildungstätige/Dozierende.
Frage: Wie werden Ihre Materialien aktuell genutzt?
Annelie Cremer-Freis: Die Materialien stehen natürlich weiterhin in der Produktdatenbank Alphabetisierung und Grundbildung und auf unserer Website zur Verfügung. Als Printausgaben sind noch einige unserer Materialien im Online-Shop des Bundesverbandes für Alphabetisierung und Grundbildung erhältlich. In unserem neuen Projekt InfraGruTrier planen wir zum Beispiel mit den Partnern im Sozialraum ein Format zur digitalen Grundbildung; da werden wir mit Sicherheit sowohl das Glossar als auch die Arbeits- und Übungsblätter einbringen, wenn es für die Zielgruppe passt. Es kann aber sein, dass wir die Materialien noch einmal weiterentwickeln und vereinfachen müssen. Es kann sein, dass wir da erst einmal mit Bildern und Piktogrammen arbeiten werden.
Frage: Können solche Angebote auch in eine regelmäßige Kursteilnahme der Teilnehmenden münden?
Annelie Cremer-Freis: Unsere Erfahrung zeigt: Es ist ein langer Weg, bis jemand aus einem niedrigschwelligen Angebot zu einem konkreten Alltagsproblem in ein regelmäßiges Lernangebot wechselt. Die Menschen suchen Unterstützung, wenn ein akutes Problem vor der Tür steht – wenn sie beispielsweise ein Formular ausfüllen müssen oder eine App nicht funktioniert. Da sagt niemand: „Das hat jetzt Spaß gemacht – jetzt will ich in einen Kurs!“ So etwas braucht einen langen Atem.