„Digitale Grundbildung gewinnt durch KI nochmal stark an Relevanz“

Frau Prof. Dr. Koppel, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Digitalisierung und Grundbildung. Was hat Ihr Interesse an diesem Feld geweckt?

Dr. Ilka Koppel (Professorin für Erziehungswissenschaft/Erwachsenenbildung an der PH Weingarten): Als ich begonnen habe, mich wissenschaftlich mit dem Thema zu beschäftigen, war die Digitalisierung bereits deutlich vorangeschritten. Digitale Endgeräte und Anwendungen hielten immer stärker Einzug in den Berufsalltag, aber auch in das private Leben. Mich hat damals vor allem die Geschwindigkeit dieser Entwicklung erstaunt. Gleichzeitig war ich fasziniert von den Möglichkeiten, die damit verbunden waren. Ich erinnere mich noch gut daran, wie begeistert ich war, als ich erstmals auf meinem Smartphone E-Mails lesen und beantworten konnte. Solche Entwicklungen haben die Arbeitswelt damals zum Teil stark verändert. Mit Blick auf andere Personen wurde aber auch sehr schnell deutlich, welche Überforderungen damit einhergehen können.

Inwiefern?

Prof. Dr. Koppel: Im Alltag konnte ich beobachten, dass viele Personen Schwierigkeiten hatten, mit neuen digitalen Anwendungen umzugehen. Ich habe gedacht: Wenn selbst Menschen mit guten Bildungsabschlüssen an technischen Hürden scheitern, wie erleben Erwachsene diese Entwicklung, die möglicherweise nicht davon überzeugt sind, dass sie das bewältigen können? Oder diejenigen, die nicht den Mut haben, Neues auszuprobieren? Das war für mich ein Moment, an dem ich dachte: Wir dürfen bestimmte Personengruppen wie gering literalisierte Erwachsene auf keinen Fall vergessen. Die Digitalisierung eröffnet viele Chancen, birgt aber auch die Gefahr, Menschen auszuschließen. Daraus entstand mein wissenschaftliches Interesse.

Der Begriff „digitale Grundbildung“ wird häufig verwendet, eine einheitliche Definition gibt es aber nicht. Wie verstehen Sie digitale Grundbildung?

Prof. Dr. Koppel: Tatsächlich ist eine eindeutige Definition schwierig. Das liegt vor allem daran, dass sich digitale Technologien kontinuierlich weiterentwickeln. Deshalb lässt sich digitale Grundbildung nur bedingt als statisches Kompetenzkonstrukt verstehen. Medienkompetenzmodelle gibt es inzwischen in großer Zahl, schon vor einigen Jahren hat ein Kollege weit über hundert verschiedene Modelle gezählt. Entsprechend schwierig ist es, sich zu orientieren. Deshalb halte ich es unter bestimmten Umständen für praktikabler, weniger nach einer abschließenden operationalisierten Definition zu suchen, sondern stattdessen vom Ziel her zu denken: Was muss digitale Grundbildung erreichen?

Von dieser Perspektive aus geht es um die Fähigkeit, sich an einer mediatisierten Gesellschaft zu beteiligen. Bestandteile einer digitalen Grundbildung sind grundlegende Fähigkeiten im Umgang mit digitalen Medien und zum selbstständigen Lernen. Die technologische Entwicklung verläuft inzwischen so schnell, dass niemand alle neuen Anwendungen systematisch vermitteln kann. Deshalb müssen Menschen lernen, sich neue Werkzeuge eigenständig zu erschließen und ihre Kompetenzen kontinuierlich weiterzuentwickeln. Gleichzeitig geht es darum, Potenziale, Wirkungen und Risiken digitaler Technologien einschätzen zu können.

Digitale Medien können Menschen dabei unterstützen, mehr Selbstständigkeit und gesellschaftliche Teilhabe zu gewinnen

Was meinen Sie damit konkret?

Prof. Dr. Koppel: Durch Künstliche Intelligenz (KI) rücken die damit verbundenen Risiken noch stärker in den Fokus – beispielsweise in Bezug auf Vielnutzung, also einem ungesunden Nutzungsverhalten, oder die Frage nach dem Umgang der großen Technologiekonzerne mit den gewonnenen Daten. Gerade der Aspekt der Risikoeinschätzung wird uns aus meiner Sicht in Zukunft noch deutlich stärker beschäftigen als bisher. Und ich finde, dieser Aspekt nimmt in vielen Medienkompetenzmodellen noch immer zu wenig Raum ein.

Welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich für gering literalisierte Erwachsene in einer zunehmend mediatisierten Welt?

Prof. Dr. Koppel: Die größte Chance sehe ich im Empowerment. Digitale Medien können Menschen dabei unterstützen, mehr Selbstständigkeit und gesellschaftliche Teilhabe zu gewinnen. Künstliche Intelligenz kann dabei zusätzlich eine wichtige Hilfe sein. Ein Beispiel: Vor kurzem habe ich bei einem Fachgespräch eine Frau kennengelernt, die sehr eindrücklich beschrieben hat, welche Herausforderungen sie über viele Jahre mit dem Lesen und Schreiben hatte. Zahlreiche Lernangebote und verschiedene Lehrkräfte haben ihr wenig geholfen. Das war unglaublich frustrierend für sie. Erst durch digitale Medien fand sie einen Zugang, der für sie funktionierte. Sie nutzt heute Vorlesefunktionen, digitale Lernangebote und KI-Anwendungen, um sich Informationen zu erschließen und zur eigenen Kommunikation. Interessanterweise sagt sie selbst, dass sie gar nicht mehr den Anspruch hat, perfekt lesen und schreiben zu können. Sie kann für ihren Alltag ausreichend lesen und schreiben, hat immer noch viele Rechtschreibfehler – das ist aber völlig in Ordnung für sie. Sie nutzt digitale Unterstützung dort, wo sie diese benötigt. Toll ist aus meiner Sicht zudem, dass sie inzwischen eingeladen wird, um Lehrkräften zu zeigen, wie sie digitale Werkzeuge nutzt. Das ist eine riesige Chance für diese Person, Autonomie und Selbstwirksamkeit zu erfahren.

Und wie sieht es mit den Herausforderungen aus?

Prof. Dr. Koppel: Die sind erheblich. Wenn wir uns beispielsweise die sozialen Medien anschauen, dann sind wir dort Algorithmen ausgesetzt, die wir häufig nicht durchschauen. Welche Inhalte wir sehen, wird zunehmend durch Systeme bestimmt, deren Funktionsweise für die meisten Nutzerinnen und Nutzer kaum nachvollziehbar ist. In einigen sozialen Medien ist die Gefahr größer, mit falschen oder irreführenden Informationen konfrontiert zu werden als mit richtigen. Umso wichtiger wird die Fähigkeit, Informationen und Quellen richtig einschätzen zu können. Insbesondere bei Gefahren wie Desinformation, manipulativen Inhalten oder problematischem Nutzungsverhalten habe ich den Eindruck, dass die Sensibilität dafür noch zu wenig vorhanden ist. Diese Entwicklungen betreffen zwar alle Menschen, können aber insbesondere für Erwachsene mit Lese- und Schreibschwierigkeiten problematisch sein. Denn Studien zeigen, dass diejenigen, die einen niedrigen sozioökonomischen Hintergrund haben oder aus einem bildungsfernen Haushalt kommen, stärker dem Risiko ausgesetzt sind, niedrige Kompetenzwerte zu erzielen. Es deutet vieles darauf hin, dass sich bestehende Unterschiede teilweise vergrößern.

Welche Auswirkungen hat diese stärkere Mediatisierung der Gesellschaft denn für die Lehrkräfte in der Praxis?

Prof. Dr. Koppel: Digitale Grundbildung gewinnt durch KI nochmal stark an Relevanz. Für Lehrkräfte bedeutet das zunächst, dass sie selbst kontinuierlich dazulernen müssen. Gleichzeitig verändern sich die Rollen in Lehr-Lern-Prozessen – und da schließe ich mich selbst auch mit ein. Früher war die Lehrkraft häufig die Person, die den Zugang zu Wissen kontrollierte, heutzutage ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass ich beispielsweise von meinen Studierenden mit – mitunter natürlich auch wissenschaftlichen – Inhalten konfrontiert werde, die ich selbst gar nicht kenne. Es setzt sich dadurch eine Entwicklung fort, bei der die Rolle der Lehrkraft zunehmend zu einer Rolle der Lernbegleitung wird. Es geht weniger darum, immer alles zu wissen, sondern Lernprozesse zu unterstützen, Orientierung zu geben und Menschen dabei zu helfen, selbstständig Kompetenzen aufzubauen.

Digitale Werkzeuge müssen so gestaltet sein, dass die Lernenden mit ihnen gut arbeiten können

Wie reagieren die Lehrkräfte auf diese Veränderung?

Prof. Dr. Koppel: Nach meiner Erfahrung ist diese Entwicklung vielen Lehrkräften bereits sehr bewusst, sie wird daher meist nicht als überraschend wahrgenommen. Im Gegenteil: Immer wieder berichten Kursleitende von Situationen, in denen Teilnehmende bspw. neue Apps in den Unterricht einbringen, die man sich dann gemeinsam anschaut und erarbeitet. Ich erlebe auch, dass sowohl in lehramtsbezogenen Studiengängen als auch im außerschulischen Bereich eine Sensibilisierung für diese Veränderung vorhanden ist und entsprechende Entwicklungen aufgegriffen werden.

Sie haben mit dem Projekt GediG untersucht, wie der Einsatz digitaler Medien in der Grundbildung gelingen kann. Welche Bedingungen sind besonders wichtig?

Prof. Dr. Koppel: Eine zentrale Erkenntnis lautet, dass es keinen einzelnen Erfolgsfaktor gibt. Es gibt nicht die eine Stellschraube, von der Erfolg oder Misserfolg abhängt. Eine erfolgreiche Digitalisierung entsteht durch das Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Dazu gehören zunächst die institutionellen Rahmenbedingungen. Einrichtungen benötigen eine angemessene technische Ausstattung und verlässliche Infrastruktur. Gleichzeitig spielt die Qualität der eingesetzten Anwendungen eine wichtige Rolle. Digitale Werkzeuge müssen so gestaltet sein, dass die Lernenden mit ihnen gut arbeiten können.

Was ist noch wichtig?

Prof. Dr. Koppel: Die personale Ebene, also die Kompetenzen und Einstellungen der Lehrkräfte und der Teilnehmenden. Lernen an sich funktioniert natürlich besonders gut, wenn die Lernenden darin einen Sinn sehen. Bei der digitalen Grundbildung muss man zudem besonders berücksichtigen, dass durch Neues auch Angst oder Hemmungen entstehen können. Man kennt das ja vielleicht auch von sich selbst. Manchmal denkt man ja vielleicht auch: Ich will mich jetzt nicht schon wieder mit einer neuen Anwendung beschäftigen oder wieder irgendwo einloggen und mir wieder irgendwo ein Passwort notieren. Diese ständige Auseinandersetzung mit etwas Neuem – und das müssen wir ja heutzutage in allen Bereichen viel häufiger machen als früher – das strengt ja auch an. Ein ganz zentraler Punkt ist, diese Hemmschwellen abzubauen und zu zeigen, warum es sinnvoll ist, sich damit auseinanderzusetzen. Ziel muss es sein, dass die Lernenden auf den Geschmack kommen – ein amerikanischer Wissenschaftler hat das „Digital Taste“ genannt – und einen positiven Zugang zu digitalen Technologien entwickeln.

Wie hängen digitales Lernen und digitale Grundbildung zusammen?

Prof. Dr. Koppel: Digitale Medien zu nutzen, bedeutet noch nicht automatisch, digital grundgebildet zu sein. Das zeigt sich auch in internationalen Studien. Viele Menschen verbringen täglich viele Stunden mit digitalen Medien. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass sie digitale Informationen kritisch bewerten oder digitale Werkzeuge kompetent einsetzen können. Gleichzeitig gehören digitale Anwendungen zum Lernen dazu. Kompetenzen entwickeln sich dann, wenn Menschen digitale Werkzeuge tatsächlich ausprobieren und in unterschiedlichen Kontexten nutzen können. Insofern bedingen sich digitales Lernen und digitale Grundbildung gegenseitig.

Im Bereich der digitalen Grundbildung hat die AlphaDekade wesentlich dazu beigetragen, das Thema sichtbar zu machen

Welche Impulse hat die AlphaDekade aus Ihrer Sicht im Bereich der digitalen Grundbildung gesetzt?

Prof. Dr. Koppel: Im Bereich der digitalen Grundbildung hat die AlphaDekade wesentlich dazu beigetragen, das Thema sichtbar zu machen. Akteurinnen und Akteure auf unterschiedlichen Ebenen wurden dafür sensibilisiert, dass digitale Grundbildung ein Teil von Grundbildung ist. Dadurch hat sie Hemmschwellen abgebaut, die es bei dem Thema immer wieder gibt. Da hat die AlphaDekade auf jeden Fall einiges in Bewegung gesetzt. Es sind natürlich auch digitale Angebote entstanden, von denen das vhs-Lernportal sicherlich das etablierteste und bekannteste ist. Aber auch lea.online ist eine bedeutende Anwendung, die u.a. für die Kursleitungen Auswertungsmöglichkeiten und -sortierungen bereithält. Ich habe aber das Gefühl, dass digitale Anwendungen, die speziell für die Zielgruppe der gering literalisierten Erwachsenen entwickelt wurden, es insgesamt schwer haben, sich am Markt durchzusetzen.

Welche Auswirkungen hat generative KI auf die digitale Grundbildung?

Prof. Dr. Koppel: Die generellen Anforderungen an einen kompetenten Umgang mit Medien bleiben die gleichen: Menschen müssen sich mit der Technologie auseinandersetzen, Informationen bewerten, Quellen einschätzen und Risiken erkennen können. Deutlich stärker in den Blick genommen werden sollte jedoch, dass es noch nie so einfach war, authentisch wirkende Texte, Bilder oder Videos zu erzeugen. Dadurch entstehen neue Herausforderungen und Fragen, etwa: Was für Fähigkeiten brauche ich denn, um Fälschungen zu erkennen? Auf der anderen Seite bietet KI wie gesagt enorme Potenziale. Für Menschen mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen ergeben sich dadurch neue Möglichkeiten, Informationen zu erschließen und selbstständig zu handeln. Beispielsweise kann KI erklären, wie ein Anmeldeverfahren bei einer Bank funktioniert. In diesem Sinne markiert KI tatsächlich einen grundlegenden Wandel. Deshalb kann ich mir schon vorstellen, dass man das Konzept der digitalen Grundbildung erweitern muss.

Inwieweit führt die digitale Entwicklung dazu, dass Lese- und Schreibkompetenzen an Bedeutung verlieren?

Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf für die Zukunft?

Prof. Dr. Koppel: Wir brauchen mehr Wissen und Erfahrungen im Hinblick auf die Risiken, die gering literalisierte Erwachsene durch die Weiterentwicklung von Künstlicher Intelligenz ausgesetzt sind. Es braucht sinnvolle Datenschutzkonzepte für Personen, die nicht die ganze Komplexität erfassen können. Ich könnte mir konkrete Angebote zum Datenschutz und dem Schutz von Persönlichkeitsrechten oder präventive Angebote wie beispielsweise zur Mediensucht vorstellen. Auch die Frage, wie sich der Mehrwert und die Wahrnehmung von Bildungsangeboten verändert, wenn die KI mit vergleichsweise wenig Aufwand hochindividualisierte Lösungen für ein konkretes Problem bereitstellen kann, finde ich hochspannend. Da spielen dann auch grundsätzliche Fragestellungen hinein.

Welche sind das?

Prof. Dr. Koppel: Vor allem die Frage, wie digitale Technologien die Bedeutung „klassischer“ Grundkompetenzen wie Lesen, Schreiben oder Rechnen verändern: Inwieweit führt die digitale Entwicklung dazu, dass Lese- und Schreibkompetenzen an Bedeutung verlieren? Ich kann mir vorstellen, dass diese Frage die Grundbildungsforschung und -praxis in den kommenden Jahren weiterhin oder auch zunehmend beschäftigen wird.

Und haben Sie da eine Vermutung?

Prof. Dr. Koppel: Wenn ich mir meine Studierenden anschaue, erkenne ich eine Tendenz: Die Bereitschaft, sich anzustrengen und sich intensiv mit Texten auseinanderzusetzen, nimmt ab. Nach dem Motto: Die KI kann mir ja die Texte zusammenfassen. Und ich habe das Gefühl, dass es auch gesellschaftsfähiger wird zu sagen: Ich kann nicht so gut lesen und schreiben, aber die KI hat mir geholfen, das reicht doch aus. Deshalb kann ich mir schon vorstellen, dass sich die Wertigkeiten verschieben – zu Ungunsten der Lese- und Schreibkompetenzen.

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