"Aufbruch!" in einen neuen Alltag

Der Alltag ist ein wichtiger Lernort – auch für Menschen, die von sich selbst behaupten, dass sie nicht lernen können. Das Projekt „Aufbruch!“ in Bremerhaven will ihnen beweisen, dass es ihnen leichter fällt, als sie glauben. In zunächst zwei Lernwerkstätten können Menschen mit Grundbildungsbedarf alltäglichen Interessen nachgehen und dabei ihre Schriftsprachkenntnisse erweitern. Personen aus dem Umfeld erfahren, wie sie diese Form des Lernens unterstützen können.

Aufbruch

©BMBF/ AlphaDekade/ W.Reiher


Im Land Bremen leben rund 60.000 funktionale Analphabetinnen und Analphabeten. Ihnen fällt es schwerer als anderen, in einem qualifizierten Beruf zu arbeiten, einen Mietvertrag abzuschließen oder ihr monatliches Budget zu kalkulieren. Viele haben Wege gefunden, sich auch ohne Schriftsprache zu behelfen; Freunde zu fragen, die „Brille zu vergessen“ oder unangenehmen Aufgaben auszuweichen. Daher lassen sie sich in der Regel nur schwer davon überzeugen, einen Kurs zu besuchen, um fehlende Grundkompetenzen nachzuholen.

Gerade Menschen mit Grundbildungsbedarf unterschätzen ihr eigenes Lernen

Hier setzt die Arbeitsförderungs-Zentrum im Lande Bremen GmbH an. Das Projekt „Aufbruch!“ soll in Stadtquartieren in Bremerhaven- Nord und Bremerhaven-Süd möglichst viele Menschen für das Lernen im Alltag öffnen. Denn gerade lernungeübte Menschen unterschätzen oft, wie viel Lernen in ihrem Alltag steckt: im Kontakt mit Behörden, in Maßnahmen des Jobcenters oder beim Einkaufen. Diesen Menschen bietet „Aufbruch!“ zwei Lernwerkstätten an – und zwar in den Familienzentren in beiden Stadtquartieren, wo es bereits Sozialberatung, Hausaufgabenhilfe, Elternfrühstück oder Gartenbauprojekte gibt.  

Lebensmittel kalkulieren oder Formulare ausfüllen: Das Lernen beginnt mit alltäglichen Aufgaben

Als Koch- oder Bewegungstreff greifen auch die Lernwerkstätten zunächst alltägliche Interessen auf und führen Lesen und Schreiben als eine Möglichkeit ein, diesen Interessen nachzugehen. Die Teilnehmenden können sich kennenlernen, austauschen und in kleinen Schritten lernen. Unterstützung bekommen sie durch das Lehrpersonal oder durch Lehrmittel wie die Lernapp „Irmgard“ (LINK) und das Online-Portal „ich-will-lernen.de“ (LINK). 

Darüber hinaus kommt „Aufbruch!“ überall dorthin, wo Menschen möglicherweise mit alltäglichen Aufgaben überfordert sind. Ein Praxispartner ist die Bremerhavener Tafel, wo es manchen Nutzenden schwer fällt, den Lebensmittelbedarf für die Familie zu kalkulieren. Aber auch in Kitas oder Schulen, im Sozialamt oder im Jobcenter fallen Menschen auf, die im Lesen und Schreiben unsicher sind. Diese Alltagshürden nimmt das Projekt zum Anlass, mit den Betroffenen über das Thema Lernen zu sprechen und sie für die Lernwerkstätten oder ein anderes Angebot zu gewinnen.

Die Beratung richtet sich aber auch an das mitwissende Umfeld: an Familienmitglieder, den Kolleg*innenkreis oder Sachbearbeiter*innen in den Behörden. Viele von ihnen sind im Umgang mit funktionalen Analphabetinnen und Analphabeten unsicher. Gleichzeitig haben sie oft genaue Vorstellungen, was den Betroffenen weiterhelfen kann. „Aufbruch!“ gibt ihnen Hinweise,  wie sie Betroffene erkennen, ansprechen, in ein Lernangebot weiterleiten  können. Über diese aufsuchende Arbeit hinaus ist das Projekt im Rahmen einer regelmäßigen Telefonsprechstunde erreichbar.

Ziele des Projekts: Betroffene und ihr Umfeld leichter erreichen, Lernangebote verbessern  

Am Ende der Projektlaufzeit sollen Menschen mit Grundbildungsbedarf in Bremerhaven besser in der Welt der Buchstaben und Zahlen Fuß gefasst haben – mit oder ohne Zertifikat. Wissenschaftlicher Gewinn besteht in Erkenntnissen zur erfolgreichen Ansprache Betroffener und ihres Umfelds, zu förderlichen Lernsettings und zu wichtigen Schlüsselpersonen, denen es besser als anderen gelingen kann, Lernende im Alltag zu unterstützen.