Bildungsferne Bevölkerungsgruppen drohen durch Digitalisierung abgehängt zu werden

Im vergangenen Jahr wurden zahlreiche Anforderungen, die bis dahin auch persönlich erfolgen konnten, digitalisiert, z. B. Behördengänge, Bestellungen im Restaurant, Terminvereinbarungen oder Einkäufe. Selbst einfache Alltagsaufgaben verlangen nun meist Lese- und Schreibkompetenzen. Diese fast ausschließliche Verlagerung in den digitalen Raum hat zur Folge, dass sich die Ungleichheit und unterschiedlichen Zugangschancen in der Bevölkerung verschärfen.

Enrico B. hat mit 40 Jahren noch Lesen und Schreiben gelernt und ist jetzt auch fit für die Digitalisierung.

Enrico B. hat mit 40 Jahren noch Lesen und Schreiben gelernt und ist jetzt auch fit für die Digitalisierung. 

BMBF/ Bildkraftwerk/Kurc

40 Prozent der Menschen mit einfacher Bildung fürchten zunehmende Digitalisierung

40 Prozent der Befragten mit einfacher Bildung sehen der Digitalisierung und ihrer Auswirkung auf den persönlichen Alltag stärker mit Befürchtungen als mit Hoffnungen entgegen (vs. 28 Prozent der Hochgebildeten). Das ergab die repräsentative Bevölkerungsbefragung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Stiftung Lesen zur Halbzeit der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung 2016-2026 (AlphaDekade). Die Studie wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

40 Prozent

Schwierigkeiten Corona-Informationen zu verstehen

Auch die sich rasant verändernde Informationslage zu Pandemieverlauf und Eindämmungsmaßnahmen lassen sich ohne eigenständiges Lesen kaum erfassen. 39 Prozent der Befragten mit einfacher Bildung fällt es schwer, Informationen im Zusammenhang mit Corona zu verstehen. In der Gesamtbevölkerung sind dies 23 Prozent. Hauptprobleme sind Fülle, Länge und Komplexität von Information, die nahezu ausschließlich digital verfügbar ist.

Verstehen

Höheres Infektionsrisiko für angelernte Arbeitnehmer

Die Bedingungen, unter denen Personen mit einfacher Bildung häufig arbeiten, sind auch typisch für berufstätige Erwachsene, die nicht gut lesen und schreiben können. Sie bilden zwei Drittel der gering Literalisierten, die die LEO-Studie 2018 identifizierte. Im Gegensatz zu der höher gebildeten Bevölkerungsgruppe, die im Homeoffice arbeiten kann, müssen angelernte Arbeitnehmer häufiger vor Ort im Team arbeiten und sind auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Dies in Kombination mit der eingeschränkten Möglichkeit, sich zu aktuellen Regeln zu informieren, erhöht für diese Bevölkerungsgruppe auch das Infektionsrisiko.

Betroffene in ihrer Arbeits- und Lebenswelt erreichen

Um der Gefahr von digitaler Ungleichheit zu begegnen, ist es mehr denn je erforderlich, Lese- und Schreibkompetenzen gerade für die Nutzung digitaler Medien zu verbessern. Menschen mit geringer Bildung müssen noch zielgenauer als bisher für konkrete Lese- und Schreib-Anforderungen im Alltag sowie im digitalen Raum vorbereitet werden. Genau hier setzt die AlphaDekade an, indem sie Zugangswege und Lernangebote konzipiert und erprobt mit dem Ziel, Betroffene in ihrer Arbeits- und Lebenswelt zu erreichen.