Eröffnungsrede Dr. Ulrich Raiser, Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie Berlin

Eröffnungsrede Dr. Ulrich Raiser

Dr. Ulrich Raisers spricht in seiner Eröffnungsrede über das Engagement der Länder in der AlphaDekade. 

© BMBF/ H. Scherm. 


Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, von der Bundesebene, aus dem BMBF und von der Koordinierungsstelle Alpha Dekade; aus den Bildungsbereichen der Bundesländer, aus Wissenschaft und Forschung, von den Partnern der Nationalen Dekade. Sehr geehrte Lehrende, Kursleiterinnen und Kursleiter, Dozentinnen und Dozenten, sehr geehrte Lernerinnen und Lerner.

Auch ich freue mich sehr, Sie alle hier zur zweiten Konferenz im der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung begrüßen zu können.

Es bedeutet etwas, dass Bund und Länder sich zusammentun und gemeinsam eine große, langfristige Anstrengung im Bildungsbereich unternehmen.

Es bedeutet etwas, dass sie diese gemeinsam mit vielen Partnern aus unterschiedlichen Bereichen unserer Gesellschaft tun – und dass weitere Partner hinzukommen.

Es bedeutet etwas, dass dies bereits die zweite Konferenz im Rahmen der Alpha-Dekade ist.

Es bedeutet etwas, dass so viele Menschen aus verschiedenen Bereichen heute und morgen sich diesem Thema, der Alphabetisierung und Grundbildung, diesem schwierigen noch immer etwas verborgenen, sich nicht in schnellen Schritten bearbeiten oder gar „lösen“ lassenden Thema widmen.

Der Ansatz der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung bedeutet, dass wir gemeinsam, über verschiedene Bereiche der Gesellschaft hinweg, als Partner, als Engagierte langfristig an einem Ziel arbeiten wollen, das wir gemeinsam so formuliert haben: „den Funktionalen Analphabetismus verringern – das Grundbildungsniveau erhöhen.“

Aber was bedeutet das konkret, was haben wir seit dem Beginn der Dekade erreicht und was haben wir gemeinsam noch vor?

Die heutige Konferenz steht unter dem Motto „Zugänge schaffen“ – und in den letzten Jahren haben viele Menschen den Zugang in Lernangebote geschafft. Es gibt bundesweit, von Bundesland zu Bundesland verschieden, aber doch überall vorhanden und für Menschen zugänglich, Lernangebote. Diese Angebote können direkt von den Bundesländern gefördert sein oder im Rahmen eines ESF Programms aufgebaut worden sein. Sie können in einem der zahlreichen, oft innovativen und kreativen vom Bund geförderten Projekte stattfinden. Oder die Lernangebote gehen auf das große, zum Teil ehrenamtliche, Engagement von Menschen in den zahlreichen Initiativen, Vereinen, Selbsthilfegruppen zurück, die im Bereich der Alphabetisierung tätig sind. Wichtiger, als wer das fördert oder verantwortet, ist vor allem: In ihnen lernen viele Menschen und arbeiten daran, besser zu Lesen, besser zu Schreiben – sie gehen den oft beschwerlichen Gang, den wir gerne schwungvoll wohlklingend als „Lebenslanges Lernen“ umschreiben. Ihnen gebührt mein großer Respekt und meine Anerkennung, denn man mag es sich kaum vorstellen, welche Kraft man benötigt, um überhaupt einmal wieder mit dem Lernen gerade so grundsätzlicher Fertigkeiten anzufangen – und das vielleicht sogar mit dem Wissen, dass das Dabeibleiben noch viel mehr Kraft und Überwindung erfordert. Denn Lernen im Grundbildungsbereich ist nicht schnell gemacht, sich einen „alpha-level“ hochzuarbeiten, anders als der spielerisch klingende Begriff suggeriert, ist eine große Anstrengung.

Für diese Menschen haben sich die Zugänge durch die Bemühungen im Rahmen der Dekade verbreitert: Sicher, es gibt noch nicht genug Lernangebote – aber die Dekade hat ihnen zu besserer Absicherung und größerer inhaltlicher Diversität verholfen. Zudem haben Lernangebote durch den vermehrten Austausch und die verstärkte Zusammenarbeit verschiedener Akteure, sowohl auf Bundesebene, als auch auf lokaler Ebene eine bessere Sichtbarkeit und größere Akzeptanz bekommen. Vielleicht gar nicht so sehr bei den Lernern selbst, ganz sicher aber bei Politik und Verwaltung und wohl auch in der Öffentlichkeit.

Und das ist es eben auch, was im Rahmen der Alpha Dekade „Zugänge schaffen“ meint. Es ist etwas, das wir weniger gut messen und zählen können, das wir aber gleichwohl in den Blick nehmen wollen und müssen: Es geht um den Zugang zu Menschen, die einen

Grundbildungsbedarf haben, die nicht ausreichend Lesen und Schreiben können. Den Zugang zu ihnen zu finden, sie zu erreichen, ermöglicht oftmals erst den Zugang in ein Lernangebot. Aus diesem Grund ist ein zentrales Augenmerk in den Anstrengungen der Alpha-Dekade auf die Öffentlichkeitsarbeit und die Vernetzung der bestehenden Strukturen gelegt worden. Denn, auch das müssen wir festhalten: Es gibt viele Lernangebote – aber wir alle könnten uns schnell darauf einigen, dass es sicher zu wenige Lerner gibt: Die Zahl 7,5 Millionen, die sie alle kennen, steht leider in keinem guten Verhältnis zu der Zahl der Lerner in den bestehenden Lernangeboten.

Viel wurde bereits vom „mitwissenden Umfeld“ gesprochen, von Menschen, die Familienmitglieder, Freunde, Bekannte, Kollegen, Nachbarn kennen, die Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben, oder von denen sie das vermuten. Auch hier sind Zugänge zu schaffen, denn diese Menschen sollen ihren Zugang nutzen, um zu ermutigen, zu unterstützen, zu helfen. Dafür gilt es, zu informieren, zu sensibilisieren und wiederum zu ermutigen.

Dabei hört das Umfeld nicht in persönlichen Beziehungen auf, sondern erstreckt sich vielmehr auf alle Lebensbereiche, überall kann ein Mensch, der Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben hat, erkannt, angesprochen, erreicht und für ein Lernangebot gewonnen werden: In Behörden, beim Arzt, auf der Bank, am Arbeitsplatz, im Online-Chat. Genau an dieser Stelle werden bald weitere vom Bund geförderte Projekte ansetzen, die sich konkret mit der „Lebenswelt“ von funktionalen Analphabeten auseinandersetzen und sich diesen über Fragen ihres Alltags nähern wollen. Auf diesen vielversprechenden Ansatz freue ich mich sehr, da er passend den bisher stark verfolgten Aspekt der „Arbeitsplatz-orientierten Grundbildung“ ergänzt. So wird ein weiterer Weg des Zugangs geschaffen.

Doch wie funktioniert das eigentlich? Wer sensibilisiert, wer spricht an, wer gestaltet Lernereignisse, wer unterrichtet Kurse? Wer kann das alles und wie konnte man das lernen?

In Ergänzung zum Grundsatzpapier der Nationalen Dekade und zum sehr detaillierten Arbeitsprogramm haben wir, die Länder als ein Part der die Dekade verantwortet, gerade in der Kultusminister-Konferenz ein 10 Punkte Papier verabschiedet, mit dem wir unsere Maßnahmen und Ansatzpunkte in der Dekade konkretisieren wollen. Sie wissen es gut: In den Zuständigkeitsbereich der Länder fallen nicht die großen Projekte und nicht die Forschungsförderung und nicht die großen Kampagnen der bundesweiten Öffentlichkeitsarbeit. Davon profitieren wir und wir freuen uns ausdrücklich, dass wir diese Felder im Rahmen der Dekade mit dem Bund besprechen und abstimmen können.

Aber: Unser Feld sind die Regelangebote, die breite Grundversorgung, die oft von Volkshochschulen oder anderen traditionellen Trägern der allgemeinen Erwachsenenbildung angeboten werden.

Für die Zuständigkeit der Länder wollen wir nicht mit dem 10-Punkte-Papier das Rad neu erfinden, das könnten wir nicht. Daher rufen wir Aspekte aus dem Grundsatzprogramm der Dekade wieder auf und bekräftigen sie. Zudem stellen wir uns in die Tradition der Nationalen Strategie, die der Dekade voranging und setzen auf Strukturen, die wir schaffen und verstetigen können. Entsprechend finden Sie in dem Papier Punkte zur Förderung von Lernangeboten, diese wollen wir beibehalten und nach Möglichkeit stärken, ebenso wollen wir die bestehenden und im Rahmen der Dekade aufgebauten Netzwerkstrukturen weiter erhalten um die Idee der Dekade, gemeinsam mit Partnern eine breite gesellschaftliche Aufgabe anzugehen, auch in den Ländern umzusetzen. Dies dient insbesondere der Ansprache von Lernerinnen und Lernern, ein Punkt der uns besonders wichtig ist, denn diese sollen alle Unterstützung und Beratung bekommen, die sie benötigen. Eine zentrale Rolle dabei nehmen auch die Fach- und Koordinierungsstellen der Länder ein, die wir stärken wollen. Auch über ihre Zusammenarbeit wollen die Länder erfolgreiche Ansätze und Methoden im Bereich der Alphabetisierung und Grundbildung besser bekanntmachen und untereinander austauschen. Auch wollen wir dazu gemeinsam mit dem Bund weiter aktiv Öffentlichkeitsarbeit betreiben um die Sensibilisierung einer breiten Öffentlichkeit gegenüber diesem wichtigen Thema zu verbessern. Mit den 10 Punkten verpflichten wir uns auch, regelmäßig über unsere Aktivitäten zu berichten.

Auf drei neue Aspekte des Länderpapiers möchte ich insbesondere eingehen:

Einen besonderen Handlungsbedarf sehen wir Länder im Bereich der Qualifizierung des Lehrpersonals – dies ist ein Punkt der bereits im Grundsatzpapier der Dekade verankert ist und ich möchte ihn unbedingt unterstreichen. Nur wer gut qualifiziert ist, kann auch gut, abwechslungsreich, fordernd, interessant unterrichten – und es ist insbesondere unsere Aufgabe als Länder, die die Regelstrukturen der Grundbildung vorhalten, für eine gute Qualifizierung zu sorgen. Dies bedeutet, dass es eine ausreichende Anzahl an Fortbildungsangeboten geben muss und diese von hoher Qualität sein müssen. Hierfür gibt es bereits gute Angebote, die Qualifizierung „ProGrundbildung“ etwa, die vom DVV in einem vom Bund geförderten Projekt entwickelt wurde – weitere Fortbildungen werden auf Landesebene dazu treten, wir in Berlin etwa erproben gerade ein eigenes Angebot. All diese Möglichkeiten zur besseren Qualifikation müssen, wenn sie angeboten werden, von den Lehrkräften genutzt, von den Anbietern unterstützt und von den Förderern schließlich auch eingefordert werden – damit sie schließlich den Lernerinnen und Lernern zu Gute kommen können. Und, lassen Sie mich das aus der Berliner Perspektive ergänzen: Qualifizierte Lehrkräfte sollten auch entsprechend bezahlt werden – allein schon, weil sie dann besser gebunden und gezielt weiterqualifiziert werden können. In Berlin hat die regierende rot-rot-grüne Koalition beschlossen, die Honorare für VHS Lehrkräfte mit Hochschulabschluss schrittweise bis zum Jahr 2019 auf 35€ pro Unterrichtseinheit anzuheben. Wir orientieren uns damit am BAMF Mindesthonorar.

Eine hohe Anforderung an die Qualifikation der Lehrkräfte gibt es umso mehr, wenn man die Herausforderungen der Heterogenität der Lerngruppen betrachtet. Diese ist schon heute gegeben und eine individuelle Diagnose und Lernstandsfeststellung ist der Ausgangpunkt für einen hohen Lernerfolg. Wir alle wissen zudem, dass mit Menschen, die aus anderen Ländern zu uns kommen und die schnell Deutsch lernen, auch neue Bedarfe auf den Bereich der Alphabetisierung und Grundbildung zukommen. Viele Menschen, die heute einen Integrationskurs besuchen, wollen und müssen weiter lernen – nicht weil sie nicht gut gelernt haben oder die Kurse schlecht sind, sondern allein schon, weil es einfach schwer ist, Deutsch zu lernen, das wissen wir alle. Ihnen müssen wir ein Angebot machen, wie es weitergeht, wir müssen Anschlüsse schaffen und wir müssen sie integrieren, in unsere bestehenden Angebote und Strukturen. Und die Strukturen wiederrum müssen dafür ertüchtigt werden.

Und lassen Sie mich einen letzten Aspekt ansprechen, den wir in unserem 10 Punkte Papier benennen: Wenn wir nach den Ursachen von funktionalem Analphabetismus fragen, dann kommen viele Antworten zusammen – und Versäumnisse im Bereich der Schulischen Ausbildung ist eine davon. Es ist aus der Sicht der Länder sicher die schmerzhafteste Antwort. Es gibt Menschen, die in der Schule nicht ausreichend Lesen und Schreiben gelernt haben und es ist die Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer, in der Förderung der Schülerinnen und Schüler ein besonderes Augenmerk auf die Fähigkeiten im Lesen und Schreiben zu legen. Wenn man diesen Zusammenhang nicht benennt, dann könnte man nicht gemeinsam an einer Lösung arbeiten. Für uns Länder ist es deswegen ein wichtiger Schritt, zu prüfen wie Themen der Alphabetisierung und Grundbildung in den jeweiligen Curricula der Lehramtsstudiengänge, in der zweiten Phase der Lehrerausbildung sowie in der Lehrerfort- und Weiterbildung Berücksichtigung finden können. Dies ist der Weg hin zu einer systematischen Prävention.

Die Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung ist Ausdruck unserer langfristigen Anstrengungen und unser gemeinsamen Verpflichtung. In ihrem Rahmen denken und handeln wir gemeinsam, Partner, Bund und Länder. Anders kann es nicht funktionieren.

Lassen Sie mich daher dies zum Anlass nehmen, mich bei Ihnen zu bedanken: bei Lernerinnen und Lernern die sicher den schwierigsten Part haben, bei Lehrenden, ohne die es nicht ginge, bei den Dekade-Partnern, die unerlässlich sind, wenn wir das Thema Alphabetisierung und Grundbildung wirklich als ein gesellschaftliches gemeinsam behandeln wollen. Und last but not least beim Bund für die gute Zusammenarbeit in den letzten Jahren und bei der Koordinierungsstelle Alpha-Dekade, ohne die die gute Zusammenarbeit im Rahmen der Dekade so nicht möglich wäre und ohne die wir ganz sicher hier heute und morgen nicht noch ein so interessantes und vielversprechendes Tagungsprogramm vor uns hätten.

Vielen Dank.