Leben mit geringer Literalität – Hauptergebnisse der LEO-Studie 2018 | Prof. Dr. Anke Grotlüschen, Universität Hamburg und Prof. Dr. Heike Solga, Wissenschaftszentrum Berlin, Sprecherin des LEO-Beirats

Frau Grotlüschen

Prof. Dr. Anke Grotlüschen zeigt auf, wie sich LEO 2018 von der Studie 2010 unterscheidet. 

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Wie gestaltet sich das Leben mit geringer Literalität? Fragen von Teilhabe, Alltagspraktiken und Kompetenzen in verschiedenen Lebensbereichen stehen im Fokus der zweiten Level-One Studie  2018 (LEO 2018).

Prof. Dr. Anke Grotlüschen zeigt zunächst auf, wie sich LEO 2018 von der Studie 2010 unterscheidet. Bereits LEO 2010 hat individuelle und strukturelle Faktoren unter die Lupe genommen, die die Lese- und Schreibkompetenzen von Erwachsenen beeinflussen, wie bspw. ihre Lebenssituation oder Herkunft oder die Anzahl der Weiterbildungsangebote in bestimmten Branchen. LEO 2018 widmet sich nun stärker der Frage, wie gefährdet Personen mit geringer Literalität sind, von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Dafür hat das LEO-Team um Frau Prof. Dr. Grotlüschen Alltagspraktiken und Kompetenzen in den Bereichen Digitales, Gesundheit, Finanzen und Politik untersucht. Ebenfalls gibt es eine Veränderung der Begrifflichkeit: LEO 2018 spricht nicht mehr von funktionalen Analphabetinnen und Analphabeten, sondern von Menschen mit geringer Literalität und orientiert sich hier an der Selbstbeschreibung der Betroffenen, die von sich sagen, nicht richtig lesen und schreiben zu können.

Deutliche Verbesserung auf Alpha-Level 3 – deutliche Verbesserung in der Erwerbstätigkeit

Bei der Vorstellung der Hauptergebnisse aus LEO 2018 setzt Frau Prof. Dr. Grotlüschen einige wichtige Akzente. Die Verbesserung der Lese- und Schreibkompetenzen in der erwachsenen Bevölkerung zeigt sich insbesondere auf dem Alpha-Level 3, d.h. die Zahl der Menschen, die zwar auf Ebene des Satzes lesen und schreiben können, aber mit zusammenhängenden Texten Schwierigkeiten haben, ist deutlich zurückgegangen. Die Mehrheit der gering literalisierten Personen sind mit der deutschen Sprache groß geworden. Die Zahl der gering literalisierten erwerbstätigen Personen ist deutlich angestiegen; somit hat auch diese Gruppe von der guten Entwicklung am Arbeitsmarkt profitieren können, allerdings nicht in dem Maße wie die Gesamtbevölkerung.

Die Angaben zu den Alltagspraktiken zeigen, dass es durchaus möglich ist, mit geringen Schreib- und Lesefähigkeiten durchs Leben zu gehen. Es wird jedoch deutlich, dass gering literalisierte Personen ein höheres Risiko haben, von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Dies zeigt sich insbesondere in der unterdurchschnittlichen Nutzung des Internets oder anderer digitale Angebote wie z.B. Online-Banking. Ebenfalls sind viele Menschen mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen auf die Unterstützung anderer angewiesen, wie z.B. beim Ausfüllen von Formularen beim Arzt oder im Krankenhaus.

Aktuelle Bevölkerung: bunter, älter, gebildeter und beschäftigter

Frau Solga

Dr. Heike Solga kommentiert die Ergebnisse der LEO-Studie.

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Frau Prof. Dr. Heike Solga schließt als Sprecherin des LEO-Beirats mit einer kurzen Einschätzung der Ergebnisse an. LEO 2010 hat bereits gezeigt, dass ein erhöhtes Risiko für geringe Literalität bei Personen mit einem höheren Durchschnittsalter, mit einer anderen Herkunftssprache als Deutsch, ohne Schulabschluss und bei erwerbslosen Personen besteht. Will man die LEO-Ergebnisse 2010 und 2018 vergleichen, muss berücksichtigt werden, dass sich die Bevölkerungszusammensetzung in diesen Jahren hinsichtlich der o.g. Faktoren verändert hat. So war die Bevölkerung in 2018 bunter und älter, sie war aber auch gebildeter und beschäftigter als in 2010. Diese Entwicklung hat einen deutlichen Einfluss auf die Literalität gehabt, was sich in den besseren Ergebnissen widerspiegelt.

Hinter diesen Zahlen verbergen sich die Anstrengungen unterschiedlicher Politikbereiche wie die Arbeitsmarktpolitik, die Bildungspolitik und die Integrationspolitik. Schaut man auf die Weiterbildungspolitik, so bleibt die Beteiligung von gering literalisierten Personen an Alphabetisierungsangeboten weiterhin sehr niedrig. Grundbildung schließt jedoch auch die Integrationskurse, betriebliche Angebote oder Programme der Arbeitsagentur mit ein. Die Weiterbildungsbeteiligung liegt mit 28 Prozent deutlich höher, wenn auch immer noch unter der der Gesamtbevölkerung. Es bleibt also die Herausforderung, vielfältige Grundbildungsangebote vorzuhalten, die an die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen dieser Menschen anschließt.