Eröffnungsrede Thomas Sondermann, Unterabteilungsleiter Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

Eröffnungsrede Thomas Sondermann

Thomas Sondermann eröffnet die AlphaDekade-Konferenz 2018.

© BMBF/ H. Scherm. 


Es gilt das gesprochene Wort!

Meine sehr verehrten Damen und Herren, Herr Dr. Ulrich Raiser, Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie, Berlin, als Vertreter der Kultusministerkonferenz, verehrte Mitglieder des Kuratoriums der Dekade und des wissenschaftlichen Beirates,

ich begrüße Sie zur diesjährigen Konferenz im Rahmen unserer nationalen Alphabetisierungsdekade. Die Konferenz steht unter dem Motto: Zugänge schaffen. Wir setzen uns dafür ein, dass mehr Menschen ein besserer, ein für sie möglichst individuell nutzbarer Zugang für das Lesen-und-Schreiben-lernen geschaffen wird.

Als die neue Bundesregierung sich auf die Koalitionsvereinbarung als Fahrplan für die kommenden Jahre verständigt hatte, konnten wir erfreulich oft von Vorhaben lesen, die auf neue Initiativen in der Bildung, der beruflichen Bildung, aber auch ganz besonders in der Weiterbildung zielen. Ziel der Bundesregierung ist es, einen neuen Bildungspakt zu schließen und der Deutsche Bundestag wird eine Enquete-Kommission zur beruflichen Bildung einsetzen. Daraus abgeleitet ist es das Ziel des BMBF, den Menschen in Deutschland eine hochwertige Ausbildung und lebensbegleitende Weiterbildung zu ermöglichen.

Mit der Verständigung auf eine Nationale Weiterbildungsstrategie wollen wir dem Bedeutungszuwachs von lebensbegleitendem Lernen und Weiterbildung in unserer Gesellschaft des Wandels und der Digitalisierung Rechnung tragen. Wir wollen die Etablierung einer neuen Weiterbildungskultur als eine Kultur des lebensbegleitenden Weiterlernens unterstützen. Darin hat sowohl formale und non formale Weiterbildung als auch informelles Lernern einen Stellenwert und dafür bedarf es der Schaffung institutioneller, organisatorischer Rahmenbedingungen sowie der Bereitstellung finanzieller Mittel. Sätze wie „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ entbehren heute jeder Bedeutung. Das spiegelt sich auch in einer zunehmenden Weiterbildungsbereitschaft der Bevölkerung von über 50 Prozent wieder.

Eingebettet in diese Vorhaben ist der weitere Ausbau der Nationalen Dekade für Alphabetisierung wie es der Koalitionsvertrag ausführt. Das kann aber nicht nur ein Auftrag an die Bundesregierung sein, das ist ein Auftrag an Bund, Länder und Gemeinden sowie alle gesellschaftlichen Kräfte. Dieses Herangehen hat sich in den letzten Jahren erfreulicher Weise bereits gut entwickelt.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ein interessantes Buch lesen, sich im Internet Nachrichten durchlesen, Vielleicht auch nur so etwas Einfaches, wie ein vergleichender Testbericht von Autowerkstätten. Vielen Menschen in Deutschland fällt das unglaublich schwer.

Die Geschichte des Lesens und Schreibens reicht weit zurück. Im antiken Griechenland existierten schon private Schulen, die damals den freien Bürgern männlichen Geschlechts vorbehalten waren. Im Hellenismus, etwa 300 vor Christus, wurde in Griechenland Bildung fast allen freien Menschen -von Kind an- zugänglich gemacht. Jungen und Mädchen konnten die Schule besuchen, Alphabetisierung und anderes Wissen waren von großer Bedeutung für die griechische Gesellschaft.

Sie sehen, meine sehr verehrten Damen und Herren, Alphabetisierung hat eine lange kulturelle Tradition. Ab 1250 blühten in Mitteleuropa die Städte durch Handel und Gewerbe auf. Es gab Schulen unter kirchlicher Leitung und bereits auch erste städtische Schulen, die wiederum einen weltlichen Lehrerstand ausbildeten. Hier entstand die Grundlage der späteren deutschen Volksschule.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts machte Wilhelm von Humboldt in Preußen sich für die Elementarschule stark. Sie wurde damit zum Vorläufer unserer Grundschule, zum ersten Glied in der Ausbildungskette der schulpflichtigen Kinder. 1919 wurde die allgemeine Schulpflicht in der Weimarer Republik einheitlich für ganz Deutschland festgeschrieben.

Lesen und Schreiben sind Kulturtechniken, ohne die wir unsere Probleme und Aufgaben in unterschiedlichen Lebensbereichen nicht bewältigen können. Sie dienen uns, um am gesellschaftlichen Leben ohne Einschränkungen teilzuhaben. Sie dienen uns aber auch zur Sicherung unseres Lebensunterhalts, zum Aufbau sozialer Kontakte und ihrer Pflege und für unsere ganz persönlichen Bedürfnisse. Unsere individuelle Selbstverwirklichung ist maßgeblich davon abhängig, dass wir die Kulturtechniken Lesen und Schreiben beherrschen. Wenn das aber nur eingeschränkt der Fall ist, dann ergeben sich auch oft Hürden bei der Selbstverwirklichung.

Blicken wir kurz in die allerjüngste Vergangenheit: 7,5 Millionen Menschen in Deutschland, und wir sprechen hier nur von denen im erwerbsfähigen Alter, also zwischen 18 und 64 Jahren, können nach den Ergebnissen der Leo.-Level-one Studie nicht – oder nicht ausreichend – lesen und schreiben. Sie sind nicht in der Lage, zusammenhängende Texte oder Arbeitsanweisungen sinnverstehend zu erfassen.

Im Lichte dieser Befunde hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung, gemeinsam mit der Kultusministerkonferenz 2012 eine Nationale Strategie für Alphabetisierung ausgerufen.

Diese Nationale Strategie wurde 2016 in eine nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener überführt. Ob die Bemühungen der vergangenen Jahre bereits Früchte trägt soll uns eine neue Leo.-Studie zeigen, deren Ergebnisse im Frühjahr des kommenden Jahres vorliegen werden. Soweit der Blick in den Rückspiegel.

Die Gegenwart ist ambivalent. Zum einen ernüchternd, weil die ganz große Nachfrage nach Grundbildungskursen im Bereich Alphabetisierung noch nicht eingesetzt hat. Zum anderen aber auch ermutigend, denn wir wussten bislang nicht viel über die Zielgruppe der Analphabeten und wissen nun schon erheblich mehr. Die allermeisten von Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, sind in diesem Bereich tätig und kennen viele der Vorhaben und Maßnahmen, die in den letzten Jahren begonnen wurden.

Was steht für unser Ministerium in der nächsten Zeit auf der Agenda? Gerade begonnen haben wir mit einem Sonderschwerpunkt, der Alphabetisierung und Grundbildung in Mehrgenerationenhäusern fördert. Wir fördern mit dieser Maßnahme mehr als 160 der Mehrgenerationenhäuser und können mit einem sehr niedrigschwelligen Zugang Menschen vor Ort erreichen.

Als nächstes wird noch in diesem Sommer ein Förderschwerpunkt zur Alphabetisierung im lebensweltlichen Bereich mit 20 bereits ausgewählten Projekten beginnen. Mit diesem Ansatz wollen wir Menschen erreichen, die sich von den klassischen Kursangeboten von Volkshochschulen bisher nicht angesprochen fühlten. Mit diesen Projekten fördern wir die stärkere Verknüpfung und Kooperation von lebensweltlichen Bereichen und Weiterbildungsangeboten.

Zeitlich nach dem Start des lebensweltlichen Förderschwerpunktes planen wir einen weiteren, wissenschaftlich orientierten Förderschwerpunkt mit kleineren Forschungsprojekten. Wir wissen zwar mittlerweile deutlich mehr über die Zusammenhänge beim funktionalen Analphabetismus als vor der Leo.-Studie, aber wie schon Theodor Fontane sagte: „Man sieht nur das, was man weiß“. Daher werden wissenschaftliche Studien im Mittelpunkt stehen, damit wir noch mehr sehen können.

Und, last but not least, werden wir mit dem Thema weiterhin in die Öffentlichkeit gehen. Ganz klassisch, wie schon in den vergangenen Jahren, mit neu produzierten TV- und Radiospots sowie mit Plakaten. Dabei durchaus auch etwas regionaler, zum Beispiel mit dem Alfa-Mobil, von denen es seit gut einer Woche ein zweites gibt.

Was aus meiner Sicht die große Herausforderung ist und wohl noch eine Weile bleiben wird: Wie erreichen wir die unterschiedlichen Zielgruppen, damit sie die Zugänge auch nutzen?

Bisher scheint es so, dass wir vermehrt Menschen mit Migrationserfahrung oder mit Migrationshintergrund mit den Lernangeboten erreichen. Das liegt nicht daran, dass diese Personengruppen besonders bevorzugt würden. Es ist jedoch ungleich schwieriger, Menschen mit Erstsprache Deutsch zu adressieren.

Es herrschte lange die Meinung, wer in Deutschland geboren ist, war in der Schule, und wer in der Schule war, hat lesen und schreiben gelernt. Punkt. Diese Menschen müssen jetzt eigentlich das lernen, was in der Gesellschaft als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt wird. Menschen mit Erstsprache Deutsch, die nicht oder nicht ausreichend lesen und schreiben können, sprechen aber fließend Deutsch. Daher fallen sie im umgangssprachlichen Miteinander erst einmal nicht auf.

Viele dieser Menschen haben sich mit ihrer Situation arrangiert. Nicht immer, aber immer dann, wenn es darauf ankommt, dass sie lesen und schreiben können, entsteht eine sehr unangenehme Situation. Das kann zum Beispiel eine Situation bei einem Arzt oder bei einem Geldinstitut sein, wenn sofort etwas gelesen oder geschrieben werden soll.

  • Wir wollen den Menschen helfen indem wir Zugänge und Möglichkeiten schaffen, geeignete Weiterbildungsangebote zu nutzen.   
  • Wir wollen den Leistungsschwächeren in unserer Gesellschaft ermöglichen, an ihr uneingeschränkt teilzuhaben, sowohl beruflich als auch privat.          
  • Und wir wollen erreichen, dass jede Schulabgängerin und jeder Schulabgänger ausreichend lesen und schreiben kann.          

Neben guten und passenden Weiterbildungsangeboten für Erwachsene sind präventive Ansätze bereits im Vorschulalter und in der Schule gefragt.

Wir brauchen in Deutschland dafür alle gesellschaftlichen Kräfte aus allen Lebensbereichen, die dem Thema offen gegenüberstehen, die sich engagieren wollen und die sich auch zutrauen, das Thema bei Bedarf klar anzusprechen. Die Informationskampagne „Lesen & Schreiben – Mein Schlüssel zur Welt“ wird dabei noch lange eine sinnvolle Aufgabe erfüllen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, bevor ich nun zum Schluss komme möchte ich Ihnen ganz besonders danken, denn ohne Sie und Ihr großes Engagement würden wir hier immer noch ganz am Anfang stehen. Es gibt aus der Praxis wie auch aus der Wissenschaft eine Vielzahl guter Anregungen, die wir gerne aufnehmen und auf die wir aufbauen werden.

Steigende Anforderungen im Alltag und - vor allem - im Beruf erfordern ausreichende Lese- und Schreibfähigkeiten. Deutschland braucht dringend mehr Menschen mit Fachwissen und ihren Fähigkeiten die Wirtschaftskraft unserer Gesellschaft zu erhalten.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.