Forschung

Wie können gering literalisierte Erwachsene erreicht und ihre Lernmotivation gesteigert werden? Wie sieht die Lebenswelt von gering literalisierten Erwachsenen aus und wo ergeben sich Anlässe, um Lernprozesse anzustoßen? Wie müssen Lehrende in der Alphabetisierung und Grundbildung qualifiziert sein? Welche Effekte hat arbeitsorientierte Grundbildung für die berufliche Weiterentwicklung und Beschäftigungsfähigkeit der Menschen? Noch immer sind grundlegende Fragen zu geringer Literalität in Deutschland nicht hinreichend erforscht und beantwortet. Ziel der AlphaDekade ist es, die Forschungslage in diesem Bereich zu verbessern.

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Was wir schon wissen

Seit 2007 fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) verstärkt Forschungs- und Entwicklungsprojekte zur Alphabetisierung und Grundbildung. Die leo. – Level-One Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2011 war die erste repräsentative Erhebung zum Ausmaß des funktionalen Analphabetismus in Deutschland und war damit auch Auslöser einer verstärkten bildungspolitischen und öffentlichen Aufmerksamkeit für das Thema. Im Jahr 2018 wurde die Studie wiederholt: Die zweite Level-One Studie 2018 zeigt einen Rückgang der Zahl gering literalisierter Erwachsener von 7,5 Millionen in 2011 auf 6,2 Millionen in 2018 auf. Darüber hinaus widmet sie sich konkreten Fragen von Teilhabe, Alltagspraktiken und Kompetenzen in verschiedenen Lebensbereichen wie z.B. Arbeit, Familie oder Gesundheit.

Mit der „Studie zum mitwissenden Umfeld funktionaler Analphabetinnen und Analphabeten“ (kurz: Umfeldstudie), die die Universität Hamburg in den Jahren 2013 - 2016 durchgeführt hat, wurde erstmals das mitwissende Umfeld untersucht. Die Quote der Mitwissenden liegt bei etwa 40 Prozent. Nicht ausreichend lesen und schreiben zu können, ist demnach bei Familienangehörigen, Kolleginnen und Kollegen oder Personen aus dem Freundeskreis weniger tabuisiert als angenommen. Über Vertrauenspersonen lassen sich die Erreichbarkeit, Ansprache und Beratung von betroffenen Personen verbessern. Ein weiteres Ergebnis der Studie ist der Nachweis, dass ein offener Umgang mit Lese- und Schreibschwierigkeiten zumeist auch zu Unterstützung führt.

Die Untersuchung „Sensibilisierung von Arbeitnehmern für das Problem des funktionalen Analphabetismus in Unternehmen“ (sog. SAPfA-Studie), die die Stiftung Lesen in den Jahren 2012 - 2014 durchgeführt hat, zeigt, dass (funktionaler) Analphabetismus auch in Teilen des beruflichen Umfelds der Betroffenen gut bekannt ist und dass bei Arbeitgebern das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Grundbildung besteht. Die SAPfA-Studie liefert zudem neue Erkenntnisse für die Ansprache, Motivation und Einbindung von Unternehmen in Maßnahmen zur Alphabetisierung und Grundbildung.

Im Forschungsprojekt „Identifikation von Risiko- und Schutzfaktoren für die Entwicklung und Veränderung geringer Literalität und Numeralität bei deutschen Erwachsenen“ (GeLiNu, 2017 - 2020), das von dem GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften in Mannheim durchgeführt wird, werden auf Grundlage der repräsentativen Längsschnittdaten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) die individuellen und strukturellen Entstehungsfaktoren für geringe Lese- und Rechenkompetenzen untersucht. Außerdem wird erforscht, in welcher Weise sich diese Fähigkeiten im Laufe des Lebens verändern. Faktoren wie kognitive und nicht-kognitive Grundfertigkeiten, soziodemografische Merkmale, Beteiligung am Erwerbsleben sowie Familie und Lebenswelt werden dabei berücksichtigt. Ziel ist es, mit geeigneten Maßnahmen an den entscheidenden Scharnierstellen im Bildungsprozess der einzelnen Personen anzusetzen.

Die Stiftung Lesen erforscht im Projekt „Reaching young adults with low achievemet in literacy“ (REACH, 2016 - 2020) die Altersgruppe der 16- bis 35-jährigen funktionalen Analphabeten auf Alpha-Level 3 und sucht nach Möglichkeiten, diese Gruppe über lebensweltliche Zugänge zu erreichen und zu motivieren, ihre Schriftsprachkompetenzen zu verbessern. Aus den gewonnenen Daten werden Themen, Kommunikationsmittel, Ansprachemöglichkeiten und praxistaugliche Zugangswege abgeleitet, die junge Erwachsene niederschwellig und effektiv erreichen.

Was wir noch wissen wollen

Das BMBF hat 2019 eine Richtlinie zur Förderung von praxis- und anwendungsorientierten Forschungsvorhaben veröffentlicht. In einem wettbewerblichen Verfahren wurden 14 Forschungsvorhaben ausgewählt, die für die Praxis relevante Forschungsfragen bearbeiten und deren Ergebnisse in konkrete Handlungsempfehlungen münden sollen. Die Forschungsvorhaben untersuchen die Lebenswelten von gering literalisierten Erwachsenen und mögliche Wege der Ansprache. Zudem werden die Qualität und Gelingensfaktoren von Lehr- und Lernprozessen in Lernangeboten und die Wirksamkeit von Strukturen und Investitionen in der Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit untersucht. So werden bspw. in einem Forschungsvorhaben die Risikofaktoren und Ursachen von Kursabbrüchen in Lernangeboten der Alphabetisierung und Grundbildung erforscht; ein anderes Vorhaben untersucht die Lernmotive und –anlässe von jungen gering literalisierten Erwachsenen am Übergang Schule-Beruf. In weiteren Vorhaben werden die Zugänge zur Schriftsprache – sog. Literalitätskonzepte – von Lernenden und Lehrenden in den Blick genommen, um sie langfristig für die Professionalisierung von Lehrenden nutzbar zu machen. Ebenso werden die Möglichkeiten der digitalen Ansprache – mittels sozialer Medien oder mithilfe eines Chatbots – in zwei Forschungsvorhaben untersucht.