Forum A: Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung für Alphabetisierung und Grundbildung

Die Digitalisierung durchdringt viele Lebensbereiche und verändert die Gesellschaft. Was bedeutet das für die Alphabetisierung und Grundbildung? 80 Teilnehmende und Experten diskutieren Gelingensbedingungen und Herausforderungen des Einsatzes digitaler Medien im Schriftspracherwerb. Lehrende und Bildungsplanende sind gefordert, das Lernangebot und den Unterricht an die neuen Möglichkeiten und Anforderungen anzupassen.

Forum A

Celia Sokolowski stellt neue digitale Lernmöglichkeiten für die Alphabetisierung vor. 

© BMBF/ H. Scherm. 


Bei seiner Einführung stellt Lucas Heymann, Stiftung Lesen, die „Allgegenwärtigkeit digitaler Medien im Alltag der Nutzung digitaler Anwendungen in der Erwachsenenbildung“ gegenüber. So sind digitale Anwendungen und Geräte im Alltag und Beruf ein fester Bestandteil. Für Erwachsene mit Lese- und Schreibschwierigkeiten bieten sie in alltäglichen Dingen häufig eine Hilfe. Beispielsweise beim Navigieren mit Google Maps per Spracheingabe. Moderne Messenger-Dienste wie WhatsApp wandeln einfach und schnell Sprache in Text um. Andererseits ergeben sich durch die zunehmende Digitalisierung der Arbeits- und Lebenswelten neue Anforderungen an die Schriftsprachkompetenz. Viele Lehrkräfte und Institutionen sind jedoch unsicher und skeptisch, digitale Angebote systematisch in ihre Lehrangebote einzubeziehen.

Was computerbasierte Lernprozesse fördert (oder verhindert)
Jun.-Prof. Dr. Ilka Koppel von der PH Weingarten schildert Erkenntnisse aus der eigenen Forschung und benennt Faktoren für den erfolgreichen Einsatz digitaler Medien in der Alphabetisierungspraxis.

Personen mit Grundbildungsbedarf können zum Großteil mit dem Computer umgehen und einfache Arbeitsschritte ausführen. Die Nutzungsgewohnheiten und Erfahrungen im Umgang mit Computern sind bei funktionalen Analphabeten sehr heterogen.

Lehrende in der Alphabetisierung und Grundbildung verfügen über wenig Hintergrundwissen und Anwendungskompetenz zur Einbindung digitaler Lernangebote in den Unterricht.

Sie hat in ihrer Forschung vier Erfolgsfaktoren für digitale Lernangebote ausgemacht:

  1. Weiterbildungseinrichtungen müssen über eine ausreichende IT-Infrastruktur (Internet, digitale Arbeitsplätze, Software…) verfügen, die erlaubt, entsprechende Angebote umzusetzen. Das ist „Bring your own device“ kann für den Unterricht kein Maßstab sein.
  2. Die digitalen Anwendungen müssen in Bezug auf die Funktionen, Erlernbarkeit, Konsistenz und die visuelle Umsetzung nutzerfreundlich gestaltet sein.
  3. Die Struktur und Inhalte des Lernmediums sind modular (kurze Lerneinheiten) und zielgruppenspezifisch (selbständiges und ortsunabhängiges lernen, Spaß, Motivation…) aufgebaut.
  4. Lehrende müssen über die nötige medienpädagogische und didaktische Kompetenz verfügen. Auch wenn der eigene Weiterbildungsbedarf bei Lehrenden groß ist, sind die angebotenen Weiterbildungsmöglichkeiten gering und müssen in den meisten Fällen von den Honorarkräften privat finanziert werden.
Forum A

© BMBF/ H. Scherm. 


Erweiterte Lernwelten: Neue Lehr- und Lernmöglichkeiten durch Webangebote
Celia Sokolowski, Deutscher Volkshochschul-Verband, erläutert, wie Hürden zur Nutzung digitaler Lernangebote verringert werden können. Ein Projekt ist die vhs.cloud für Lehrende und Lernende. Hier lassen sich Lernmaterialien ablegen und austauschen oder virtuelle Lernräume und Foren erstellen. Die vhs.cloud ist Teil der Organisationsentwicklung an den Volkshochschulen.
Ein weiteres Projekt ist die Zusammenführung der Lernportale ich-will-lernen.de und ich-will-deutsch-lernen.de zu einer umfangreichen Online-Lernumgebung. Das Lernportal wird um Themen der Grundbildung erweitert und über eine App auch auf mobilen Endgeräten verfügbar sein.

Mehr Forschung, Fachdiskurs, Qualifizierung und Mut notwendig

Aus der anschließenden Diskussion lassen sich folgende Ergebnisse festhalten: Digitale Lernangebote ergänzen den analogen Unterricht und ersetzen nicht das Lernen in der Gruppe sowie die Lehrkraft. Digitale Medien bieten großes Potential, individuelle Lehr-/Lernprozesse zu ermöglichen, zum Lernen zu motivieren sowie zeit- und ortsunabhängig zu kommunizieren. Es kommt auf die Kompetenz des Bildungspersonals an, ihren Einsatz sinnvoll zu planen und umzusetzen. Dazu ist weitere Qualifizierung der Lehrkräfte und Forschung notwendig. Weiterhin wäre mehr Mut des Lehrpersonals wünschenswert, neugierig auf die neuen Möglichkeiten zuzugehen und sie auszuprobieren – auch wenn sie selbst am Anfang nicht vollständig mit ihnen vertraut sein mögen.

Beteiligte:

Moderation                      

Lucas Heymann, Stiftung Lesen, Projekt REACH
 

Referierende                   

Dr. Ilka Koppel, Jun.-Prof. PH Weingarten
Celia Sokolowski, Deutscher Volkshochschul-Verband e.V., Projekt Lernportal ich-will-deutsch-lernen

 

Diskussion         

Björn Schulz, Arbeit und Leben Berlin-Brandenburg, Projekt eVideo-Transfer