Forum B: Politikbezogene Praktiken und Grundkompetenzen

Politisches Desinteresse und mangelnde Politikkenntnisse werden häufig als Gründe für geringe politische Partizipation sogenannter politik- oder bildungsferner Gruppen genannt. Die Fokussierung auf individuelle Charakteristiken lässt jedoch weitgehend die gesellschaftlichen Bedingungen außer Acht, die politische Teilhabe ermöglichen oder verhindern. Unter Berücksichtigung eines weiten Politikbegriffs wie Zeitung lesen, ehrenamtliches Engagement, Diskutieren über Politik wird im Forum der Frage nachgegangen, ob gering literalisierte Personen politikbezogene Praktiken seltener ausüben. 

Forum B

Podium: Ralf Häder, Dr. Jens Korfkamp, Prof. Dr. Helmut Bremer und Gregor Dutz diskutieren über das Ergebnis der LEO-Studie, dass gering Literalisierte seltener politische Praktiken ausführen.

© bmbf/h.scherm


Gering Literalisierte üben seltener politische Praktiken aus

Die Ergebnisse der LEO-Grundbildungsstudie zu politikbezogenen Praktiken sind nicht überraschend: gering literalisierte Personen üben seltener politische Praktiken aus. Sie sind jedoch fast genauso gut informiert über das Weltgeschehen wie die Gesamtbevölkerung, auch wenn die Informationsaufnahme bei ihnen seltener über Zeitungen als über Nachrichtensendungen erfolgt. Fernsehen und Internet wird fast genauso häufig als Informationsquelle genutzt wie in der Durchschnittsbevölkerung. Gering Literalisierte sprechen jedoch deutlich seltener mit nahestehenden Personen über diese Informationen, oft auch, weil sie es sich nicht zutrauen und ihre eigenen politikbezogenen Kompetenzen geringer einschätzen. Gering literalisierte Menschen üben seltener ein Ehrenamt aus und ihre Wahlbeteiligung ist insgesamt geringer. Besonders die kritisch-hinterfragenden Kompetenzen im Bereich politikbezogener Praktiken sind geringer. So fällt es gering Literalisierten oft schwerer zu beurteilen, welche Partei das vertritt, was einem wichtig ist.

Politische Bildung versus politisches Handeln

In den anschließenden Kommentaren stellt sich heraus, dass die Einschätzung zu politikbezogenen Kompetenzen deutlich variiert, je nachdem, ob man einen sehr engen oder eher weiten Politikbegriff zugrunde legt. Herr Prof. Bremer stellt die These auf, dass ein geringes Literalitätslevel wenig über generelles Interesse am Politischen aussagt, sondern eher über die Form, sich daran zu beteiligen. Hieraus ergeben sich auch klare Folgerungen für die politische Bildungsarbeit: sie darf sich nicht auf die rein kognitive Wissensebene beschränken und sollte insbesondere niedrigschwellige Konzepte der Sozialraumorientierung berücksichtigen. Auch sollte die starke Textbasierung in der politischen Bildung reflektiert werden.

Verständnis des Politikbegriffs verschieden

Der Praxisvertreter Herr Dr. Korfkamp beschäftigt sich in seinem Kommentar der Studienergebnisse zum einen mit der Frage, was für Menschen mit geringer Literalität eigentlich politisch sei. Möglicherweise weicht unser Politikverständnis als Bildungsverantwortliche von dem der Kursteilnehmenden/ Lernenden ab. Bürgerbeteiligung im kommunalen Alltag, z.B. zur Einrichtung eines Fußgängerüberwegs würde von vielen nicht als politische Aktion verstanden. Hier hätten die Kursleitenden in ihrem Unterricht die Aufgabe, ihren Teilnehmenden solche Prozesse von politischem Engagement und Einflussmöglichkeiten eines jeden einzelnen Bürgers zu erklären.

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Dr. Korfkamp erläutert die Frage, was für Menschen mit geringer Literalität eigentlich politisch sei.

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Qualifizierung für Kursleitende notwendig

Insgesamt benötigen Kursleitende für den Bereich der politischen Grundbildung deshalb Fortbildungen. Ob es eigenständige Weiterbildungsangebote wie in Österreich speziell für politische Grundbildung geben muss oder diese Inhalte in bestehende Curricula für Alphabetisierungspädagogen integriert werden müssen, kann nicht abschließend bewertet werden. Vielmehr wird betont, dass hier die beiden Pädagogikbereiche der Alphabetisierung und der politischen Bildung (wie die der Gewerkschaften) viel enger zusammenarbeiten und sich austauschen müssten. Durch den emanzipatorischen Ansatz politischer Grundbildung sollte eine höhere Mündigkeit erreicht werden. Zu klären ist auch, was politische Grundbildung beinhalten sollte. Es geht nicht nur um die Vermittlung von Begrifflichkeiten, sondern auch um die Handlungsbefähigung, Diskussionen und Selbstreflexion anzuregen. Es wird auch eingeworfen, dass bisher das Wort Demokratie noch nicht gefallen sei, diese aber wichtig für die Selbstwirksamkeit sei.

Andere Medien und Mehrsprachigkeit, wenn es um Politik geht

Von einer Lernerin wird eingebracht, dass politisch wichtige Informationen, z.B. die Wahlprogramme der Parteien vor Wahlen auf CDs verteilt werden sollten, um bessere Teilhabe gering Literalisierter zu ermöglichen und dass das Diskutieren schon in der Schule gelehrt werden sollte. Ein anderer Kommentar aus dem Plenum ist, dass politische Grundbildung auch in verschiedenen Sprachen durchgeführt werden könnte, wenn es um das Verständnis von Sachverhalten geht. Hierbei würde jedoch zugunsten der Sachinformation außen vorgelassen, durch die politische Grundbildung Lese- und Schreibkenntnisse im Deutschen zu verbessern. Dies wird auch noch einmal von der Lernerin unter den Forenteilnehmern unterstrichen: ihrer Meinung nach sei Lesen und Schreiben lernen für den Einzelnen wichtiger als Politik.

Moderation

Ralf Häder, Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung

Präsentation der LEO-Ergebnisse und wissenschaftlicher Kommentar

Gregor Dutz, Universität Hamburg

Prof. Dr. Helmut Bremer, Universität Duisburg-Essen, LEO-Beirat

Reflexion aus der Praxis

Dr. Jens Korfkamp, VHS Rheinberg