Forum B. Strukturen und Netzwerke für arbeitsorientierte Grundbildung

Über 60 Prozent der gering literalisierten Erwachsenen sind erwerbstätig. Projekte haben gezeigt, dass der Arbeitsplatz ein geeigneter Ort ist, um Menschen mit geringen Schriftsprachkenntnissen anzusprechen und zu qualifizieren. Dennoch bieten immer noch relativ wenige Unternehmen Grundbildungsangebote an und in der Arbeitsförderung wird Grundbildung noch nicht ausreichend berücksichtigt. Welche Erkenntnisse zur erfolgreichen Umsetzung arbeitsorientierter Grundbildung gibt es? Welche Akteurs- und Netzwerkskonstellationen sowie strukturellen Rahmenbedingungen sind für die Etablierung und Weiterentwicklung arbeitsorientierter Grundbildung förderlich?

Gewinnung von Unternehmen und Verstetigung von betrieblicher Grundbildung

In ihrem Vortrag erläutert Dr. Sabine Schwarz von der Lernenden Region Netzwerk Köln, dass Unternehmen die Förderung von arbeitsplatzorientierter Grundbildung in der Regel erst dann in den Blick nehmen, wenn die Bewältigung von Arbeitsaufgaben eingeschränkt ist und eine betriebliche Grundbildung es ermöglicht, die Qualifikation der Beschäftigten an veränderte Arbeitsprozesse anzupassen. Betriebe aus Branchen mit hohem Fachkräftebedarf sind eher bereit sich für das Thema zu engagieren. Im Projekt „ABAG²“ hat die Lernende Region Netzwerk Köln zusammen mit der Universität Köln Gelingensbedingungen für arbeitsplatzorientierte Grundbildung sowie Voraussetzungen für deren Verstetigung in Unternehmen untersucht. Neben unmittelbar greifbaren Wirkungen von Grundbildung für Beschäftigte und Unternehmen sowie positiver Mund-zu-Mund-Propaganda ist ein fortlaufender Austausch zwischen Bildungsmanagement und Unternehmen erforderlich. Arbeitsplatzorientierte Grundbildung wird von Unternehmen dann fortgesetzt, wenn sie als strategische Personalentwicklung etabliert wird sowie Programme und Instrumente der Arbeitsförderung, d.h. öffentliche Finanzierungsmöglichkeiten genutzt werden können. Dazu gehört auch die Verankerung von Arbeitsplatzorientierter Grundbildung in lokale Unterstützungs-, Beratungs- und Verweisstrukturen.

Betriebliche Anforderungen und der Mehrwert von Grundbildung

Elke Wailand vom Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft stellt in ihrem Beitrag die Erfahrungen im Verbundprojekt „AlphaGrund qualifiziert“ in der Zusammenarbeit mit Unternehmen vor. Unternehmen sehen Alphabetisierung und Grundbildung erst einmal nicht als ihre originäre Aufgabe und den Arbeitsplatz nicht ohne weiteres als Lernort an. Damit stehen Arbeits- und Bildungszeit in einem Spannungsverhältnis und es ist erforderlich, Grundbildungsangebote als hochindividuelle Dienstleistung und individuellen Prozess für jedes Unternehmen zu konzipieren. Arbeitsplatzorientierte Grundbildung folgt dabei keinem fertigen Curriculum. An einem Praxisbeispiel aus dem Pflegebereich erläutert Elke Wailand den konkreten Mehrwert einer Grundbildungsmaßnahme für die Beschäftigten und das Unternehmen: routiniertere, selbständigere Ausführung der Arbeit, Verbesserung der betrieblichen Kommunikation und damit auch des Betriebsklimas. Obwohl die pandemiebedingte Kurzarbeit die Umsetzung von betrieblichen Grundbildungsangeboten erschwert, gibt es einzelne Unternehmen, die die aktuelle Situation für digitale Lernangebote nutzen.

Förderinstrumente des Arbeitsmarktes für Grundbildung öffnen und Netzwerkstrukturen ausbauen

In der anschließenden Diskussion wird deutlich, dass arbeitsmarktpolitische Fördermaßnahmen und arbeitsorientierte Grundbildungskonzepte bislang noch nicht aufeinander abgestimmt sind. Viele Unternehmen kennen oder nutzen öffentliche Förderprogramme nicht, weil die standardisierten und häufig komplizierten Förderbedingungen nicht mit den Anforderungen der individualisierten Grundbildung in Einklang zu bringen sind. Insbesondere KMU sind jedoch auf öffentliche Förderung angewiesen. Hier sind mehr Kommunikation und Zusammenarbeit der zuständigen Einrichtungen erforderlich. Einen Anstoß dazu hat die Nationale Weiterbildungsstrategie gegeben, die sich in einer Arbeitsgruppe „Alphabetisierung und Grundbildung“ intensiv mit der Frage der Verbesserung von Grundkompetenzen für gering qualifizierte Beschäftigte sowie arbeitslose Geringqualifizierte befasst hat.

Zur Verstetigung von arbeitsorientierte Grundbildung ist es ebenfalls erforderlich, längerfristig ein Bildungsmanagement außerhalb von Unternehmen und Projekten zu etablieren. Enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Bildungseinrichtungen als Beispiele guter Praxis in Projekten können aus Sicht der Referentinnen hier als Wegweiser für Strukturentwicklungen dienen. Ebenso ist die sozialpartnerschaftliche Zusammenarbeit ein wichtiger Baustein, um Grundbildung im Arbeitskontext bekannter zu machen.

Moderation und Einführung:
Prof. Dr. Michael Heister, Bundesinstitut für Berufsbildung

Referentinnen:
Dr. Sabine Schwarz, Lernende Regionen -  Netzwerk Köln e.V.
Elke Wailand, Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft (bbw) gemeinnützige GmbH