Forum C: Finanzbezogene Praktiken und Grundkompetenzen

Kein Mathe-Ass zu sein: das zuzugeben fällt vielen leichter als zu sagen, dass man nicht gut lesen und schreiben kann. Wer sich aber durch den Abschluss zu hoher Ratenverträge aufgrund geringer Lese- und Schreibkompetenz finanziell übernimmt, dem droht die Schuldenfalle. Für Menschen mit geringer Literalität eine Situation, aus der sie nur schwer alleine wieder herausfinden. Das Forum beschäftigt sich mit der Frage, wie sehr mangelnde Grundbildungskompetenzen Menschen im Alltag benachteiligen und wie Alltagsangebote, aber auch Lernangebote gestaltet sein müssen, um Hindernisse abzubauen und Kompetenzen zu stärken.

Herr Dr. Buddeberg hält einen Vortag auf der AlphaDekade-Konferenz

Herr Dr. Buddeberg stellt fest, dass gering literalisierte Erwachsene selten das Angebot von Online Banking wahrnehmen.

bmbf/h.scherm

Zu Beginn des Workshops geht Herr Dr. Buddeberg auf die spezifischen Ergebnisse im Hinblick auf finanzbezogene Kompetenzen und Praktiken im Alltag ein. Grundannahme ist hierbei, dass die Zielgruppe oft auch aufgrund ihrer geringen Lese- und Schreibkompetenzen über ein geringeres Einkommen verfügt als die Durchschnittsbevölkerung. Er zeigt auf, dass Menschen mit geringen finanziellen Grundkompetenzen häufiger von plötzlich anfallenden Ausgaben überrascht werden, seltener eine schriftliche Übersicht über ihre Finanzen führen und Geldangelegenheiten häufiger von anderen regeln lassen. Auch nimmt ein Großteil der gering literalisierten Erwachsenen das Angebot des Online Banking nicht in Anspruch.

Klare Benachteiligung beim Vergleichen von Angeboten

Durch den Abbau von persönlichen Serviceleistungen und der Schließung vieler Bankfilialen, aber auch durch die Erhebung von Gebühren für die klassischen Bankdienstleistungen sind Menschen mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen in mehrfacher Weise benachteiligt. Darüber hinaus ergab die Befragung, dass 71 Prozent der gering literalisierten Erwachsenen sich nicht oder nur mit großen Schwierigkeiten zutrauen, eine Steuererklärung anzufertigen (Gesamtbevölkerung im Vergleich: 42 Prozent), Ähnlich deutlich sind die Unterschiede, wenn es um das Vergleichen und Auswählen von Stromanbietern, Telefonanbietern oder von Angeboten zur Altersvorsorge geht.

Frau Tröster und Frau Dr. Mania

Frau Tröster und Frau Dr. Mania stellen das am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung erarbeitete Kompetenzmodell „Finanzielle Grundbildung“ vor.

bmbf/h.scherm

Bisher nur wenig alltagsbezogenes Lehrmaterial und Lernangebote

Anschließend geht Prof. Dr. Josef Schrader auf die Herausforderung bei der Erstellung von Unterstützungs- und Lernangeboten im Bereich der finanziellen Grundbildung ein. Er macht zunächst deutlich, dass es sich bei Rechnen und finanzieller Grundbildung um zwei verschiede Kompetenzen handelt, wobei die Rechenkompetenz in der LEO-Studie nicht abgefragt wurde. Die finanzielle Grundbildung ist stark mit anderen Grundbildungsthemen verknüpft ist, wie z.B. Lesen und Schreiben, Rechnen, aber auch Kenntnisse im Bereich von IT und Recht. Die Entwicklung von passenden Lernmaterialien muss daher immer auch die Themen einbinden, die mit den finanzbezogenen Praktiken verknüpft sind. Hier gibt es je nach individueller Situation der Zielperson eine sehr große Bandbreite an Anknüpfungsthemen und Ansprache-Orten, von den Banken über die Schuldnerberatung bis zu den Verbraucherzentralen. Diese Punkte unterstreicht auch die Praxisvertreterin Angelika Schlemmer. Die Bergische Volkshochschule ist eine der bundesweit noch wenigen Einrichtungen, die konkrete Angebote zum Thema Rechnen und finanzielle Kompetenzen anbietet. Es fehlen weiterhin praxisbezogene und spezifisch auf Erwachsene abgestimmte Lehrmaterialien. In diesem Zusammenhang stellen Frau Tröster und Frau Dr. Mania das von ihnen am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung erarbeitete Kompetenzmodell „Finanzielle Grundbildung“ vor. Dieses bietet nicht nur einen umfassenden Überblick über die eingebundenen Themen- und Handlungsbereiche, sondern auch darüber, welche Kompetenzen notwendig sind, um in diesen Bereichen kompetent selbstständig handlungsfähig zu sein. Das Modell bietet damit eine sehr gute Grundlage für die Erstellung von alltagspraktischen und wissenschaftlich fundierten Arbeitsmaterialien. Letztere werden zurzeit im Rahmen des Anschlussprojektes CurVe II im Austausch mit der Praxis erstellt und erprobt.

AGBs in einfacher Sprache

Ein weiterer wichtiger Punkt in der Diskussion ist die Forderung nach einem Abbau von Barrieren im Alltag. Für alle, nicht nur gering Literalisierte, wäre der Alltag einfacher, wenn Vertragstexte, AGBs, Ratenangebote, aber auch Kalorienangaben auf Lebensmittelverpackungen leicht verständlich und leicht vergleichbar darstellt würden. Es ist jedoch fraglich, ob Anbieter zu solchen Leistungen verpflichten werden können oder ob z.B. Verbraucherzentralen und andere Informationsstellen solche Services umfänglich anbieten könnten.

Einführung und Moderation

Prof. Dr. Ulrike Johannsen, Universität Flensburg

Präsentation der LEO-Ergebnisse und wissenschaftlicher Kommentar

Dr. Klaus Buddeberg, Universität Hamburg

Prof. Dr. Josef Schrader, Deutsches Institut für Erwachsenenbildung

Reflexion aus der Praxis

Angelika Schlemmer, Bergische Volkshochschule