Forum E: Ansprache und Lernberatung

Noch immer nehmen unter ein Prozent der funktionalen Analphabeten an Lernangeboten in Form von Kursen teil. Die Gewinnung von Lernenden und die Motivation zur Teilnahme an strukturierten Lernangeboten ist ein zentrales Thema in der Dekade, wenn die Anzahl von funktionalen Analphabeten spürbar verringert werden soll. Relevant ist weiterhin die Identifikation von geeigneten zusätzlichen niedrigschwelligen Angeboten im Alltag der Personen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten, die das in Kursen erlernte vertiefen oder überhaupt zur Kursteilnahme ermutigen. Im Mittelpunkt des Forums stand die Identifikation von Gelingensfaktoren und Beispielen guter Praxis.

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Dr. Simone Ehmig stellt Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt REACH vor.

© BMBF/ H. Scherm.


Wie können junge Erwachsene, insbesondere auf Alpha-Level 3 und höher, angesprochen werden?

In ihrem Inputvortrag geht Dr. Simone Ehmig, Stiftung Lesen, dieser Frage nach und stellt relevante Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt REACH vor. Gerade die Zielgruppe junger Erwachsener ist eine sehr bedeutsame, da sie noch viele Jahre Erwerbsleben vor sich und als Eltern auch wichtige Vorbildfunktion für ihre Kinder hat. Wenn literale Kompetenzen wie bei Alpha-Level 3 auf einem zwar geringen Niveau, aber durchaus vorhanden sind, wird bei den Betroffenen oft wenig Notwendigkeit gesehen, diese zu verbessern, obwohl die Fähigkeiten viel zu gering für eine aktive Teilhabe im Alltag und bei der Arbeit sind. Die Zielgruppe ist auch überdurchschnittlich oft davon überzeugt, dass gut Lesen und Schreiben können etwas mit Begabung zu tun habe. Dies ist für die Teilnahme an Lernangeboten kontraproduktiv, da die jungen Erwachsenen glauben, auch mit Anstrengung ihre Kompetenzen nicht deutlich verbessern zu können. Es besteht demnach wenig Druck und Veranlassung, etwas an der eigenen Situation zu ändern, so dass diese Zielgruppe zunächst zum Lernen motiviert werden muss.

Als mögliche Ansatzpunkte, wie und wo junge Erwachsene angesprochen werden können, werden im REACH Projekt verschiedene Bereiche identifiziert. Zum Beispiel besucht die Zielgruppe häufiger als der Durchschnitt Fachärzte auf und wird dort besonders oft zum Thema Rauchen und Gewicht beraten. An diese ebenfalls sensiblen Anlässe könnte möglicherweise auch das Thema Lesen und Schreiben - Lernen angedockt werden. Beim Fernsehkonsum erreicht man die Zielgruppe mehr als andere junge Erwachsene über Talentshows und in Sendungen zu Neuigkeiten über Stars und Prominente. Sie sind auch Werbung gegenüber aufgeschlossener. Ein möglicher Anspracheweg wäre in solchen Shows oder in Werbesendungen bekannte Personen des öffentlichen Lebens zum Thema Lesen und Schreiben zu Wort kommen zu lassen.

Im Bereich Konsum wird deutlich, dass junge Erwachsene überdurchschnittlich häufig preisbewusst sind und auf Sonderangebote im Discounter achten, so dass sie möglicherweisen über die Einleger in den kostenlosen Wurfzeiten angesprochen werden könnten.

Aus den identifizierten Ansatzpunkten sollen nun im REACH Projekt Pilotvorhaben entwickelt werden, bei denen man die Ansprachemöglichkeiten in der Praxis untersuchen möchte.

Wo können noch bestimmte Bevölkerungsgruppen erreicht werden?

Dr. Barbara Nienkemper stellt anhand der im BMBF-geförderten Projekt Reading Components vor, in welche Bereichen bestimmte Personengruppen über zielgruppenspezifische Angebote erreicht werden können.

Tabellenübersicht


Wie kann man am Arbeitsplatz Personen erreichen? Welche Angebote eignen sich da besonders?

Die Ansprache soll, nach den Erfahrungen des Dekadeprojekts BasisKomPlus, von dem Sabine Raab berichtet, im arbeitsbezogenen Kontext über Betriebsräte, Personalentwicklungsabteilungen, Qualitätsbeauftragte und ähnliche Entscheidungsträger/-innen erfolgen. In kleineren Betrieben ist ein direkter Zugang zur Geschäftsleitung auch möglich. Ziel ist es, zusammen mit den Arbeitgebern nach Anlässen in der täglichen Arbeit zu suchen, bei dem Schreib- und Lesekompetenzen gebraucht werden, z.B. beim Schreiben von Dokumentationen und auf diese Weise konkret Hilfestellung anzubieten.

Das Erlernen von Lese- und Schreibkompetenzen sowie digitaler Grundkenntnisse soll außerdem so wie andere Angebote, z.B. Rhetoriktraining, in den Katalog an Fortbildungsmöglichkeiten eines Unternehmens mit einbezogen werden.

Die Titel der Weiterbildungen sind eindeutig arbeitsplatzbezogen und dadurch nicht stigmatisierend.

Wie kann man in der Lebenswelt Personen mit niedrigen Lese- und Schreibkompetenzen ansprechen?

Angelika Mede, Thüringer Volkshochschulverband, berichtet über Möglichkeiten zur Ansprache funktionaler Analphabeten in ihrer Lebenswelt. Es ist sinnvoll, mögliche Multiplikatoren zu identifizieren z.B. in Schulen, Kindertagesstätten, Ämtern, bei Ärzten, Krankenkassen etc. und diese zu sensibilisieren und zu schulen. Auf diese Weise kann eine Ansprache ohne pädagogischen Anspruch und damit verbundenen Vorbehalten der Betroffenen erfolgen.

Eine weitere Möglichkeit sind z.B. Schreibbüros sein, die konkrete Hilfe anbieten zum Verstehen von Behördenbriefen oder dem Verfassen von offiziellen Schreiben. Hier kann die erste Ansprache erfolgen, ohne gleich in einen Kurs zu vermitteln.

Die Lernberatung in Lerncafés mit geschultem Personal ohne Termin und Kosten kann die Chance bieten, situativ und individuell Lernanlässe aufzugreifen und durch den unbürokratischen, niedrigschwelligen Zugang weitere Hemmschwellen zu vermeiden.

Wie kann man ehemalige Lerner bei der Ansprache einbeziehen?

Es gibt gute Erfahrungen, ehemalige oder auch aktive Lernende in die Ansprache von zukünftigen Kursteilnehmenden anzusprechen. Dies wirkt oft viel motivierender und authentischer als jeder noch so gut gestaltete Flyer oder Infostand. Projekte der AlphaDekade sind in diesem Bereich sehr aktiv. Ralf Häder, Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung, stellt vor, wie das ALFA Mobil bei Aktionen in den Innenstädten, vor Baumärkten und VHSen Lernende als Botschafter einsetzt. Außerdem soll es bei der Beratung am ALFA Telefon zukünftig neben den Gesprächen mit den Beratern des ALFA Telefons möglich sein, zusätzliche Termine mit Lernern vereinbaren zu können, die regelmäßige Sprechzeiten anbieten.

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© BMBF/ H. Scherm.


Welche Relevanz haben Lernberatung und Lernstandsdiagnostik für den Zugang und den Verbleib in Lernangeboten?

Im betrieblichen Kontext hat es sich bewährt, die Teilnehmenden vor einer betrieblichen Weiterbildung wenn möglich in Einzelgesprächen näher kennenzulernen. Anhand mehrerer Leitfragen verschaffen sich die Berater/innen einen Überblick über die Kompetenzen der Beschäftigten. Dafür nutzen sie den sogenannten Basiskompetenzcheck. Dieser hilft zu erfassen, was die Person lernen möchte, welche Lernstrategien sie bislang hat und wohin sie sich noch entwickeln möchte. Am Ende einer Weiterbildung können die Berater/innen oder Dozent/-innen eine Art Weiterbildungsberatung anbieten, um individuelle Wege aufzuzeigen – wie könnte es nun nach der Schulung für die Lerner/-innen weitergehen?

Gute Erfahrungen sammelt das BasisKomPlus Team in Sachsen auch mit einem Lerncafé. Dieses offene und kostenlose Angebot ist ein Mal in der Woche frei zugänglich und bietet individuelle Lernberatung und -unterstützung für Beschäftigte.

Abschließend wird von einigen Teilnehmenden der Wunsch geäußert, das Thema weiter zu vertiefen in einer gesonderten Veranstaltung. Es stellt für die Bildungsakteure derzeit ein sehr dringendes Thema dar. Es wird angeregt, im Rahmen der AlphaDekade einen Fachtag oder Fachveranstaltung zur Ansprache von Teilnehmenden zu veranstalten.

Beteiligte

Einführung und Moderation
Claire Zynga, Grundbildungszentrum Berlin 

Input: Forschungsergebnisse des Projektes REACH zur Ansprache junger Erwachsener
Dr. Simone Ehmig, Stiftung Lesen 

Diskussion
Dr. Barbara Nienkemper, Universität Hamburg  
Sabine Raab, BasisKomPlus Hamburg 
Angelika Mede, Thüringer Volkshochschulverband  
Ralf Häder, Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung