Forum F: Grundbildung in der Migrationsgesellschaft

Heterogenität in Alphabetisierungskursen hat zahlreiche Facetten: sie ergibt sich nicht nur aufgrund unterschiedlicher Herkunftssprachen, sondern auch aufgrund unterschiedlicher Sprachniveaus, aufgrund der (Nicht-)Literalisierung in der Herkunftssprache, aufgrund des Alters oder unterschiedlicher Interessen. Wie können Lernangebote mit Teilnehmenden unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichen Vorkenntnissen gelingen? Welche Qualifikation des Lehrpersonals und welche Rahmenbedingungen sind dafür erforderlich? 

Sprachsensible Materialien und mehrsprachige Ressourcen nutzen

Ausgangspunkt des Vortrages von Prof. Dr. Karen Schramm sind die Ergebnisse von LEO 2018 in Bezug auf die Gruppe der Personen mit einer anderen Herkunftssprache als Deutsch, die im Deutschen gering literalisiert sind, nach eigenen Angaben in ihrer Herkunftssprache jedoch anspruchsvolle Texte lesen können. Kursangebote für diese Gruppe der sogenannten „Zweitschriftlernenden“ sollten sich laut Prof. Dr. Karen Schramm je nach den vorhandenen mündlichen Kompetenzen der Teilnehmenden unterscheiden. Bei Teilnehmenden mit mündlichen Deutschkenntnissen unter dem A2-Niveau müssen zunächst die mündlichen Kompetenzen in DaZ-spezifischen Angeboten entwickelt werden.

Für Lernende mit mündlichen Kompetenzen über dem A2-Niveau eignen sich – je nach Alpha-Level – kurze kontrastive Vorkurse, extensive Lesemodule und sprachsensible Angebote. Neben der Notwendigkeit sprachniveaugerechter Materialien, die mithilfe der Suchmaschine KANSAS ermittelt werden können, hebt die Professorin hervor, dass die Lehrkraft das Verständnis des Lernenden kontinuierlich sichern sollte. Dabei sollte es ausdrücklich erlaubt sein, mehrsprachige Ressourcen zu nutzen und die Erstsprache als Arbeits- und Denksprache zuzulassen. 

Heterogenität als Chance begreifen

Christel Griepenburg legt den Fokus ihres Vortrags auf die Lehrenden und deren Qualifizierung. Aufgrund der zahlreichen Faktoren, die Heterogenität ausmachen, ist es ihrer Erfahrung nach nahezu unmöglich, Gruppen so aufzuteilen, dass homogene Lerngruppen entstehen. Sie begreift Heterogenität als Chance und führt offene Unterrichtsmethoden, die Berücksichtigung von individuellen Lernzielen und die Förderung von Sprachsensibilität als wichtige Bedingungen dafür an. Lehrende sollten kollaboratives Arbeiten in der Gruppe fördern und die unterschiedlichen Kompetenzen und Voraussetzungen der Teilnehmenden sichtbar machen. Nicht zuletzt ist die Reflektion der eigenen Haltung zur Lernsituation und zu den Teilnehmenden eine wichtige Voraussetzung, um Lernprozesse erfolgreich zu gestalten und zu begleiten.

Die Perspektive von Lernenden einnehmen

Auf die Frage aus dem Publikum, wie Lehrkräfte an ihrer Haltung arbeiten können, empfiehlt  Prof. Dr. Karen Schramm, sich bewusst in mehrsprachige Kontexte hineinzubegeben, das „sprachliche Notstandsgebiet A 1“ an der eigenen Haut zu spüren und Unterstützung zu erleben. Diese Selbsterfahrung, die Reflektion von Unterrichtsdiskursen und das gezielte Training des Kommunikationsverhaltens tragen dazu bei, dass über die Jahre hinweg eine positive Wirkung entfaltet werden kann.

Auch bei der Durchführung von kontrastiven Kursen geht es in erster Linie darum, sich in die Position der Lernenden zu begeben. Eine Beherrschung der Erstsprache(n) der Teilnehmenden ist nicht zwingend erforderlich. Vielmehr gilt es, den Lehrenden in der Weiterqualifizierung Hinweise zu geben, welche linguistischen Aspekte in den Blick zu nehmen sind und welche Lernschwierigkeiten auftauchen können. Ebenso sollten Lernende als Expert*innen ihrer Erstsprache eingebunden werden; so können sie z.B. andere im Kursgeschehen bei Sprachvergleichen unterstützen.

Moderation und Einführung:
Celia Sokolowsky, Landesverband der Volkshochschulen NRW

Referierende:
Prof. Dr. Karen Schramm, Universität Wien
Christel Griepenburg, Sprachinstitut Bielefeld und Fortbildnerin in der ZQ-Alpha