Forum G: Digitale Praktiken und Grundkompetenzen

Die Suche nach Adressen, die Überweisung von Rechnungen, die Wohnungssuche auf Online-Börsen: immer mehr Aktivitäten setzen den Umgang mit digitalen Technologien voraus, aber nicht alle Menschen profitieren gleichermaßen von dieser Entwicklung. Im Zentrum des Forums stehen die Fragen, welche digitalen Angebote gering literarisierte Erwachsene bereits nutzen und in welchen Bereichen das Risiko besteht, dass sie von gesellschaftlicher Teilhabe mit voranschreitender Digitalisierung ausgeschlossen werden. 

Plenum Alphadekade-Konferenz

Dr. Klaus Buddeberg, Prof. Anke Grotlüschen, Björn Schulz, Gerhard Seiler und Prof. Petra Grell (v.l.n.r.) sprechen über den Zusammenhang zwischen Lese- und Schreibkompetenz und der Nutzung digitaler Medien.

bmbf/h.scherm

Frau Prof. Grotlüschen und Herr Dr. Buddeberg stellen die Ergebnisse der Studie in Bezug auf dieses Themenfeld vor. Dabei unterstreichen sie, dass Digitalisierung nicht nur als Mittel für Bildung zu betrachten ist, sondern auch als Gegenstand von Bildung. Vor diesem Hintergrund sind gering Literarisierte deutlich stärker durch die digitale Spaltung betroffen als die Gesamtbevölkerung.

Größte Einschnitte beim Nutzen schriftlicher digitaler Praktiken und Onlinebörsen

Schnell wird deutlich, dass die größten Unterschiede bei der Nutzung von schriftbasierten digitalen Praktiken liegen. So nutzen deutlich weniger Menschen mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen einen Computer als die Gesamtbevölkerung, sie schreiben deutlich seltener Emails oder nutzen Textverarbeitungsprogramme. Bei der Nutzung von mobilen Endgeräten, von Kurznachrichten und einigen Sozialen Netzwerken (z. B. YouTube, Facebook) sind im Vergleich zur Gesamtbevölkerung dagegen nur geringe bis gar keine Unterschiede vorhanden. Nicht-schriftliche digitale Praktiken, wie Videotelefonie oder Sprachnachrichten, scheinen von gering literalisierten Erwachsenen als Kompensationsstrategien genutzt zu werden – hier gibt es so gut wie keine Unterschiede zu der Gesamtbevölkerung. Menschen mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen schreiben sich insgesamt geringere digitale Kompetenzen zu, was sich in den folgenden Ergebnissen zeigt: 36 Prozent der gering literalisierten Befragten trauen sich nicht oder nur mit großen Schwierigkeiten zu, mit Online-Stellenbörsen zurecht zu kommen (im Vergleich zu 10,2 Prozent der Gesamtbevölkerung). Ein ähnliches Bild ergibt sich beim Umgang mit Online-Börsen für die Wohnungssuche oder bei Online-Partnerbörsen. Hier zeigt sich eine Gefährdung von Teilhabeausschluss in den Bereichen, zu denen der Zugang zunehmend ausschließlich digital erfolgt (Arbeitssuche, Finanzen, Wohnungssuche, informierte Entscheidung).

Wer braucht schon noch E-Mails? Neue Horizonte in digitalen Praktiken sehen

Im Anschluss an die Vorstellung der Daten würdigt Frau Prof. Dr. Grell die Ergebnisse der Studie: so gibt es nun nicht nur detaillierte Erkenntnisse über die digitalen Fähigkeiten gering literalisierter Erwachsener, sondern auch Angaben dazu, warum bestimmte Praktiken angewandt werden oder nicht. Es gilt nun weiterführende Studien durchzuführen, die Erkenntnisse hinsichtlich der Gestaltung und Umsetzung von passenden Lernangeboten generieren. Auch das Nutzungsverhalten und Möglichkeiten zur Mitgestaltung von gering literalisierten Erwachsenen in der digitalen Welt muss noch stärker untersucht werden.

Prof. Petra Grell hält einen Vortrag

Prof. Petra Grell regt an, dass sich die Forschung hinsichtlich digitaler Teilhabe nicht nur mit Bedingungsfaktoren, sondern vor allem auch mit Gelingensfaktoren auseinandersetzt.

bmbf/ h.scherm

Wichtige Bausteine: Professionalität der Lehrkräfte und Wissen um Handlungsmotive

Frau Prof. Dr. Grell stellt Handlungsfelder vor, die entscheidend für eine erfolgreiche Digitalisierung und die Integration aller sind. Zum einen sollte sich die Forschung nicht nur mit Bedingungsfaktoren, sondern vor allem auch mit Gelingensfaktoren auseinandersetzen und über die Erhebung von Daten zum Status quo hinausgehen. In der Bildungspraxis ist lebensweltnahe Vielfalt an Angeboten essentiell, die die verschiedenen Horizonte verschiedener Menschen berücksichtigt und sie auf ihrem Stand abholt. Der Bildungspolitik kommt die entscheidende Aufgabe zu, dauerhafte Angebote vor allem in der Professionalisierung des Bildungspersonals bereit zu halten, um auch für Lehrkräfte den Umgang und die Nutzung digitaler Medien einfach und als selbstverständlich zu gestalten.

Im Anschluss stellt Herr Seiler von Helliwood media & education praktische Beispiele und Lernsituationen aus dem BMBF-geförderten Projekt Alpha Element vor, das im Zusammenarbeit mit dem Verein Lesen und Schreiben e.V. in Berlin umgesetzt wird. Er unterstreicht, dass digitale Inklusion auch das Wissen um die Vor- und Nachteile der verschiedenen digitalen Praktiken einschließt. Letzteres erfordert nicht nur die Schulung von Lehrkräften, sondern auch eine Anpassung ihrer Rollen an die digitalen Inhalte, Medien und Rahmenbedingungen.

Einführung und Moderation

Björn Schulz, Arbeit und Leben Berlin-Brandenburg

Präsentation der LEO-Ergebnisse und wissenschaftlicher Kommentar

Prof. Dr. Anke Grotlüschen und Dr. Klaus Buddeberg, Universität Hamburg

Prof. Dr. Petra Grell, Technische Universität Darmstadt

Reflexion aus der Praxis

Gerhard Seiler, Helliwood media & education