Forum H: Literalität, Erstsprache und Migration

Ob beim Einkaufen, beim Ausfüllen von Formularen oder im Job – schriftsprachliche Hürden bestehen sowohl für gering literalisierte Personen mit deutscher Erstsprache als auch für Personen, die eine andere Herkunftssprache als Deutsch haben. Welche Rolle spielt die Herkunftssprache und der Zeitpunkt der Zuwanderung? Mit welchen spezifischen Hürden und Lebenssituationen ist diese Gruppe konfrontiert? Welche Folgen ergeben sich für die Gestaltung der Lernangebote?

Frau Prof. Dr. Gogolin

Frau Prof. Dr. Gogolin begrüßt die Differenzierung „geringe Literalität im Deutschen“ in der LEO-Studie, da sie erstmals eine genauere Betrachtung der Gruppe mit einer anderen Herkunftssprache als Deutsch ermöglicht.  

© bmbf/h.scherm


Was versteht man unter geringer Literalität?

Nach der Einführung ins Thema durch die Moderatorin Frau Celia Sokolowsky erläutert Frau Prof. Dr. Gogolin zunächst, dass in der LEO 2018 Studie unter geringer Literalität die Fähigkeit verstanden wird, in der deutschen Schriftsprache bis zur Ebene einfacher Sätze lesen und schreiben zu können. Frau Prof. Dr. Gogolin begrüßt dieses Konzept von „geringer Literalität im Deutschen“, da diese Differenzierung erstmals eine genauere Betrachtung der Gruppe mit einer anderen Herkunftssprache als Deutsch ermöglicht. 

Gering literalisiert im Deutschen, aber literalisiert in der Herkunftssprache

So hebt auch Lisanne Heilmann in ihrer Vorstellung der Ergebnisse aus LEO 2018 hervor, dass fast 78 Prozent der Personen, die im Deutschen gering literalisiert sind und eine andere Herkunftssprache als Deutsch haben, in dieser Sprache anspruchsvolle Texte lesen und schreiben können. Die Zahlen deuten auch darauf hin, dass das Risiko einer geringen Literalität im Deutschen steigt, je später die Personen nach Deutschland zugezogen sind. Hervorzuheben ist ebenfalls, dass die Hälfte der gering literalisierten Personen bereits einen Integrationskurs besucht hat.

Herr Dr. Feldmeier

Herr Dr. Feldmeier plädiert dafür, dass Lernangebote stärker auf das Konzept der Mündlichkeit aufbauen.

© bmbf/h.scherm


Mündlichkeit als wichtige Ressource

Herr Dr. Feldmeier macht deutlich, dass die Gruppe der in ihrer Herkunftssprache literalisierten Personen keinen Alphabetisierungskurs, sondern einen normalen Deutschkurs benötigen und sich demnach die Angebotsstruktur der Kurse verändern müsste. Er plädiert auch dafür, dass Lernangebote stärker auf das Konzept der Mündlichkeit aufbauen, da die befragten Personen ja Deutsch sprechen können und dies eine wichtige Ressource für ihr Lernen und den Schriftspracherwerb darstellt.

Auch die Methode der Kontrastiven Alphabetisierung, die auf den Ähnlichkeiten in den Schriftsystemen aufbaut, wird in diesem Zusammenhang als ressourcenorientierte Methode für Zweitsprachlerner angeführt, mit der in der Praxis sehr gute Erfahrungen vorliegen.

Aus dem Publikum wird das Problem des hohen Fachsprachniveaus (ab B2) in berufsbezogenen Sprachkursen angeführt. Materialien in Berufskollegs werden zunehmend in leichter Sprache verfasst, um auch Auszubildenden mit Migrationshintergrund das Lernen von Fachinhalten zu erleichtern. Der Nutzen von leichter Sprache ist dabei nicht unumstritten. Der Einsatz von leichter Sprache erleichtert zwar den Zugang; es ist jedoch nicht geklärt, ob er auch das Sprachlernen erleichtert.

Einführung und Moderation

Celia Sokolowsky, Deutscher Volkshochschul-Verband  

Präsentation der Leo-Ergebnisse und wissenschaftlicher Kommentar

Lisanne Heilmann, Universität Hamburg

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Ingrid Gogolin, Universität Hamburg

Reflexion aus der Praxis

Dr. Alexis Feldmeier, Westfälische Wilhelms-Universität Münster