Grundbildung ist... ein Informationsabend im Berliner Renaissance-Theater

Austausch in außergewöhnlicher Atmosphäre: zu einem Informationsabend über den vielfältigen Bedarf an Grundbildung luden das Bundesbildungsministerium (BMBF) und die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie am 5. Februar rund 100 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Bildung ins Berliner Renaissance-Theater. Sie diskutierten über Grundbildung am Arbeitsplatz, die Integration von Angeboten in den Alltag Betroffener und über neue Zugänge zu Menschen, die oft schwer erreichbar sind. 

Staatssekretär Christian Luft

Staatssekretär Christian Luft würdigt das Engagement im Rahmen der AlphaDekade. © BMBF/ Plambeck


Staatssekretär Christian Luft appelliert an das Umfeld der Betroffenen

Unternehmen, Verbände und Verwaltung, Erwachsenenbildung und alltagsnahe Einrichtungen wie Stadtteilzentren oder Mehrgenerationenhäuser haben bundesweit dazu beigetragen, funktionalen Analphabetismus zu enttabuisieren und neue Lernangebote für Betroffene zu entwickeln. Der Staatssekretär im BMBF, Christian Luft, würdigte dieses Engagement. Er warb dafür, noch stärker als bisher das Umfeld der Betroffenen einzubeziehen. Das könnten Freunde, Bekannte, Kollegen, aber auch Fachkräfte in Behörden, Arztpraxen, Kitas und in der sozialen Beratung sein.

Dr. Peter Janßen, Virginia Scharkowsky, Barbara Menke und Allessia Gordienko

Für Dr. Peter Janßen, Virginia Scharkowsky, Barbara Menke und Allessia Gordienko (v.l.n.r.) müssen Grundbildung und Personalentwicklung zusammengedacht werden. © BMBF/ Plambeck


Grundbildungsangebote am Arbeitsplatz

Über konkrete Ansätze, Betroffene mit Lernangeboten zu erreichen, diskutierten Expertinnen und Experten an drei Thementischen. Zum Thema „Grundbildung ist… Personalentwicklung“ diskutierten Barbara Menke vom Bundesarbeitskreis ARBEIT UND LEBEN, Alessia Gordienko vom Jobcenter Berlin Spandau, Dr. Peter Janßen vom Bildungswerk der Nordrhein-Westfälischen Wirtschaft e.V. und Virginia Scharkowsky von den Berliner Stadtreinigungsbetrieben. Sie kamen zu dem Schluss, dass Grundbildung und Personalentwicklung vor dem Hintergrund eines Fachkräftemangels und der zunehmenden Digitalisierung am Arbeitsplatz kaum noch zu trennen sind. Zudem stellt der Arbeitsplatz einen wichtigen Zugang zu Betroffenen dar. In Unternehmen gibt es für die Grundbildung ganz eigene Chancen und Widerstände. Auf den Betrieb angepasste Lernangebote, langjährige Kooperationen und die Beteiligung aller wichtigen Betriebsakteure tragen dazu bei, dass sich Grundbildung für Betroffene und Unternehmen gleichermaßen lohnt. Auch während der Ausbildung sollte es verlässliche Unterstützungsangebote geben, da viele Auszubildende aufgrund geringer Grundbildung nicht ausbildungsreif sind. Solche Angebote bieten beispielsweise die Berliner Stadtreinigungsbetriebe in Zusammenarbeit mit Weiterbildungsträgern an.

Gerhard Seiler, Dr. Theresa Hamilton und Birte Jürgens

Gerhard Seiler, Dr. Theresa Hamilton und Birte Jürgens (v.l.n.r.) geben Anregungen für Grundbildungsangebote im lebensweltlichen Umfeld Betroffener. © BMBF/ Plambeck


Barrierefreiheit im Alltag von Menschen mit geringer Literalität

In der zweiten Runde diskutierten Gerhard Seiler von Helliwood media & education, Dr. Theresa Hamilton vom Grundbildungs-Zentrum Berlin und Birte Jürgens vom KREATIVHAUS die These „Grundbildung ist… Alltag und Lebenswelt.“ Das Barrierefreiheit für Menschen mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen ein großes Thema in Berlin ist, zeigt das rege Interesse von Einrichtungen an der Verleihung des Alpha-Siegels. Das Alphasiegel erhalten Einrichtungen, die ihre Mitarbeiter darin schulen, Menschen zu erkennen, die Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben und die z.B. ihre Ausschilderung und ihr Infomaterial so aufbereiten, dass es von allen verstanden werden kann. Auch digitale Medien können dabei helfen, den Zugang zu Informationen im Alltag von Betroffenen zu erleichtern und das Lernen unterstützen. Zur Ansprache und Beratung von Betroffenen sind die Vernetzung von lokalen Partnern wichtig. In Berlin haben sich deshalb in den einzelnen Stadtteilen Bündnisse gebildet.

Urda Thießen,  Alexandra Ernst und Gerhard Prange im Gespräch mit Armin Himmelrath

Urda Thießen,  Alexandra Ernst und Gerhard Prange im Gespräch mit Armin Himmelrath (v.l.n.r.) über das Lehren und Lernen im Erwachsenenalter.  © BMBF/ Plambeck


Betroffene auf Augenhöhe einbeziehen

In der dritten Runde berichteten Gerhard Prange und Alexandra Ernst aus ihrem Leben. Beide haben im Erwachsenenalter Lesen und Schreiben gelernt. Sie erzählten von Stigmatisierungen in der Schule, Mobbing am Arbeitsplatz – und dem positiven Einfluss von Familie und Freunden auf die Entscheidung, sich doch noch mit Buchstaben und Grammatik auseinanderzusetzen. Für Gerhard Prange kam der Moment, als seine Tochter besser lesen und schreiben konnte als er. Alexandra Ernst hat über ihre Erfahrungen sogar ein Buch verfasst und übersetzt heute Texte in Einfache Sprache. Sie sagte: „Ich wünsche mir, dass Betroffene auf Augenhöhe in die Grundbildung einbezogen sind.“ In die Grundbildungsarbeit einbezogen, werden Lernende in verschiedenen Projekten des Vereins Lesen und Schreiben. Die Alphabetisierungspädagogin und Geschäftsführerin des Vereins Urda Thiessen stellte Unterstützungsangebote wie die Schreibwerkstatt oder das Komm-Cafe vor. Es gehe in der Arbeit des Vereins neben Lernangeboten auch darum, Menschen mit geringer Literalität Möglichkeiten für Austausch und Beratung anzubieten.

Dr. Ulrich Raiser

Dr. Ulrich Raiser stellt das Berliner Engagement für die Alphabetisierung und Grundbildung heraus, betont aber, dass es noch immer dicke Bretter zu bohren gebe. © BMBF/ Plambeck


„Eine Sisyphusarbeit – aber Sisyphus war ein glücklicher Mensch“

Nach zwei Jahren AlphaDekade und vielen weiteren Programmen zuvor hat sich in Berlin bereits viel bewegt, so Dr. Ulrich Raiser, Referatsleiter für Grund- und Erwachsenenbildung in der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie. Doch noch immer sind dicke Bretter zu bohren, um Alphabetisierung und Grundbildung als selbstverständliche Themen in den Alltag zu integrieren. „Es ist eine Sisyphusarbeit. Aber schon Albert Camus hat gesagt, dass wir uns Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen müssen.“

Mit dem Theaterstück „Der erste Mensch“ über das Leben des französischen Literaturnobelpreisträgers endete der Abend. Begleitet vom L‘Orchestre du soleil las der Schauspieler Joachim Król aus dem autobiografischen Werk über den ungewöhnlichen Aufstieg des Kindes aus einer Analphabeten-Familie zu einem der einflussreichsten Literaten der Welt.  Das BMBF begleitet die Theatertournee im Rahmen der AlphaDekade. Das Renaissance-Theater in Berlin war an diesem Abend ausverkauft.

Bild 1

© BMBF/ Plambeck

Bild 2

Bild 3

© BMBF/ Plambeck

Bild 4

© BMBF/ Plambeck

Bild 5

© BMBF/ Plambeck

Bild 6

© BMBF/ Plambeck

Bild 7

© BMBF/ Plambeck

Bild 8

© BMBF/ Plambeck

Bild 9

© BMBF/ Plambeck

Bild 10

© BMBF/ Plambeck

Bild 11

© BMBF/ Plambeck

Bild 12

© BMBF/ Plambeck

Bild 13

© BMBF/ Plambeck

Bild 14

© BMBF/ Plambeck

Bild 15

© BMBF/ Plambeck

Bild 16

© BMBF/ Plambeck