Ist geringe Literalität im Erwachsenenalter noch veränderbar? – Ergebnisse einer Längsschnittstudie | Prof. Dr. Beatrice Rammstedt, GESIS Mannheim

So wichtig die neuen LEO-Daten für die Fachwelt sind, können daraus keine Aussagen über Veränderungen der Literalität im Erwachsenenalter gezogen werden. Damit beschäftigt sich die laufende Längsschnittstudie GeLiNu, deren Leitung beim GESIS Leibnitz- Institut Mannheim liegt. Frau Prof. Dr. Rammstedt stellt erste Ergebnisse vor und beantwortet damit zusammenhängende Fragen. Wie stabil ist das Phänomen der geringen Literalität? Und über welche Faktoren und Praktiken lassen sich Änderungen bewirken?

Frau Prof. Rammstedt hält einen Vortrag

Prof. Rammstedt stellt erste Erkenntnisse die Langzeitstudie GeLiNu zur Entwicklung von Literalität bei Erwachsenen vor.

bmbf/h.scherm

In Ergänzung der LEO-Ergebnisse stellt Frau Prof. Dr. Rammstedt zu Beginn des zweiten Veranstaltungstages die bisherigen Erkenntnisse des Projektes GeLiNu vor. Die noch bis 2020 laufende Langzeitstudie unter der Leitung des GESIS-Institutes in Mannheim wird gemeinsam mit der Universität Hamburg und dem Leibniz-Institut für Bildungsverläufe in Bamberg durchgeführt und untersucht Risiko- und Schutzfaktoren für die Entwicklung von Literalität bei Erwachsenen. Um diese zu identifizieren, bedient sich das Projekt bereits vorhandener Daten aus dem nationalen Bildungspanel (NEPS) und vergleicht die Daten zur Literalität Erwachsener über einen Zeitraum von sechs Jahren. Zu einem späteren Zeitpunkt wird anhand von Schülerkohorten untersucht, ob auch im Kindes- und Jugendalter ähnliche Veränderungen zu beobachten sind.

Geringe Literalität ist keine unabänderliche Diagnose

Aus der bisherigen Analyse der Daten wird deutlich, dass über einen mittelfristigen Zeitraum sowohl Aufstiege in höhere Literalitätsniveaus wie auch Abstiege möglich sind. Ein Drittel der gering Literalisierten erreicht nach sechs Jahren ein höheres Niveau. Umgekehrt verlieren nur 0,6 Prozent der Menschen mit gut ausgebildeten Grundkompetenzen ihre Kenntnisse und Fähigkeiten in diesem Zeitraum in dem Maße, dass sie danach zur Gruppe der gering Literalisierten gezählt werden müssen. Diese Entwicklung zeigt, dass bereits erlernte Fähigkeiten und Kenntnisse auch im Erwachsenenalter wieder verlernt werden können.

Literale Praktiken im Alltag erhöhen die Aufstiegswahrscheinlichkeit

Es stellt sich die Frage, welche Faktoren dazu beitragen, dass sich Menschen im Lesen, Schreiben und Rechnen verbessern beziehungsweise verschlechtern.  Als mögliche Prädiktoren wurden soziodemographische Daten wie Geschlecht, formale Bildung, Alter, Herkunftssprache, Erwerbstätigkeit sowie kognitive Fähigkeiten und literale Praktiken herangezogen. Die Untersuchung zeigt, dass ein Zuwachs von Literalität im Erwachsenenalter eher bei Männern als bei Frauen zu finden ist, bei Personen, die mehr Bücher im Haushalt haben und bei Personen mit höheren kognitiven Grundfähigkeiten. Der einzige signifikante Prädiktor für den Aufstieg ist jedoch die Anzahl der Bücher im Haushalt. Im Hinblick auf die Abstiege lassen sich die Risikofaktoren höheres Alter, niedriger Bildungsstand, eine nicht-deutsche Herkunftssprache, eine geringe Anzahl von Bücher im Haushalt und geringe kognitive Grundfähigkeiten identifizieren. Das Abstiegsrisiko bei Menschen mit einer anderen Herkunftssprache als Deutsch erhöht sich jedoch insbesondere dann, wenn sie einen höheren Anteil an Freunden mit Migrationshintergrund haben und seltener Deutsch sprechen. Der entscheidende Faktor für den Abstieg auf ein geringeres Kompetenzniveau sind also auch hier die literalen Praktiken. So wirken sich ein Mangel an Lese- und Schreibanlässen im Alltag und das Fehlen von Büchern im Haushalt negativ auf die Entwicklung der literalen Kompetenzen aus. In der Zusammenfassung stellt Frau Prof. Dr. Rammstedt fest, dass sich literale Praktiken durchgehend als ein relevanter Schutzfaktor gegen Abstiege im Literalitätsniveau präsentiert haben und die Förderung literaler Praktiken folglich eine vielversprechende Intervention sein kann.  Sie betont, dass der Forschungsverbund mit seinen Analysen erst am Anfang steht und die Generalisierbarkeit der Befunde aufgrund der relativ kleinen Stichproben nur mit Vorsicht hergestellt werden kann.