Motivationale Aspekte des Erwachsenenlernens

Emotionen sind entscheidend dafür, dass Erwachsene einen Alphabetisierungskurs beginnen und ihn auch durchhalten. Der Kognitionspsychologe Prof. Dr. Jascha Rüsseler forscht dazu an der Universität Bamberg. In seinem Vortrag verdeutlichte er, wie sich negative Lernerfahrungen im menschlichen Gehirn verfestigen – und wie sie sich wieder lösen lassen.

Wie Motivation entsteht – die Fähigkeit, etwas zu beginnen und durchzuhalten

In seinem  Vortrag erläuterte Herr Prof. Dr. Rüsseler, wie negative Lernerfahrungen und Motivation zusammenwirken. Motivation hilft Menschen, eine Handlung zu beginnen und aufrechtzuerhalten – also nicht nur, mit einem Kurs anzufangen, sondern diesen auch regelmäßig zu besuchen. Explizite Motive können viele Teilnehmende klar äußern: Sie wollen ihren Kindern besser bei den Hausaufgaben helfen, den Gabelstaplerschein machen oder Formulare alleine ausfüllen können. Implizite Motive sind der Wunsch nach Teilhabe und sozialem Anschluss. Sie spielen eine große Rolle in der Alphabetisierung und Grundbildung, sind häufig aber tieferliegend und unbewusst.

Hinzu kommen Faktoren in der Umwelt: konkrete Lernangebote, Kurszeiten oder die Erreichbarkeit von Lernorten. Hier kann schon eine erste Hürde liegen: „Es kommt vor, dass diese Faktoren einander widersprechen, dass Menschen etwa keinen sozialen Anschluss suchen, aber nur Gruppenangebote vorgeschlagen bekommen“, sagte Prof. Rüsseler.

Dopamin verbindet dauerhaft Erfahrung und Emotion

Einfluss auf die Motivation haben aber auch Emotionen, die sich z.B. aufgrund früherer Erfahrungen ergeben haben. Sie entscheiden darüber, ob Menschen Lust empfinden, sich auf eine Lernaufgabe einzulassen - oder ob sie sich schämen und daher in ein Vermeidungsverhalten gehen. Dafür stellte Prof. Rüsseler die in der Psychologie weithin akzeptierte Hypothese der somatischen Marker vor. Diese markieren positive oder negative Erfahrungen, die in vergleichbaren Situationen wieder aktiviert werden und somit unser Handeln unbewusst beeinflussen. Demnach stellt der Neurotransmitter Dopamin im Gehirn eine dauerhafte und generalisierte Verbindung zwischen Ereignis und Emotion her.

Scham entsteht vor allem dort, wo Menschen erleben, dass sie etwas nicht können, von dem sie aber meinen, alle anderen können es. Das ist die Negativspirale, die wir bei vielen gering literalisierten Menschen erleben.

Prof. Dr. Rüsseler

Hilfe heißt: Konkrete Ziele formulieren und viele kleine Lernerfolge organisieren

Was lässt sich daraus für die Alphabetisierung und Grundbildung mitnehmen? Erstens: die Motivation zum Lernen kann dann gesteigert werden, wenn man in der ersten Ansprache die Bedarfe der Menschen kennenlernt und an konkrete Schriftsprachanlässe, wie z.B. das Ausfüllen von Formularen, anknüpft. Wichtig ist, dass z.B. Fachkräfte im Jobcenter oder in Arztpraxen Schriftsprachschwierigkeiten erkennen, die Menschen ansprechen und an konkrete Hilfsangebote verweisen. Zweitens: Scham abbauen. „Dabei hilft oft der Hinweis, wie viele Menschen nicht richtig lesen und schreiben können.“ Drittens: Konkrete Erfolge organisieren. Oft seien die Ziele der Lernenden anfangs zu komplex, wie z.B. die Prüfung zum Gabelstaplerschein erfolgreich zu bestehen. Hier ist es wichtig, kleine Ziele und Schritte zu definieren, um Erfolge erlebbar zu machen. Nur so kann die Negativspirale durchbrochen werden.

Wie sehr dieses Thema viele Fachkräfte der Alphabetisierung und Grundbildung beschäftigt, zeigte sich in den anschließenden Rückfragen aus dem Publikum. Sollten „volitionale Strategien“, also Strategien, die Handlungen aufrechterhalten, in den Kursen trainiert werden? „Man sollte es zumindest ansprechen, wenn man merkt, dass ein Teilnehmender Schwierigkeiten hat dranzubleiben. Die Gründe für eine unregelmäßige Teilnahme können ganz unterschiedlich sein“, empfahl Prof. Rüsseler. Auch die Rolle der Gesellschaft wurde thematisiert, die geringe Literalität oft mit fehlender Intelligenz gleichsetze und dadurch Scham auslöse. Herr Prof. Rüsseler bestätigt, dass hier ein gesamtgesellschaftliches Umdenken notwendig sei. Aus der Forschung sei zwar belegt, dass es einen Zusammenhang zwischen der allgemeinen Intelligenz und der Lesekompetenz gebe. Jedoch hätten andere Variablen, wie z.B. die phonologische Bewusstheit, einen weitaus größeren Einfluss auf die spätere Lesekompetenz als die Intelligenz.