Tischgespräch: Halbzeit der AlphaDekade – eine strukturelle Verortung aus wissenschaftlicher Perspektive

Leere Kursräume, Lehrkräfte ohne Beschäftigung, erschwerter Zugang zu Unternehmen: Die Corona-Pandemie hat den Bereich der Erwachsenenbildung hart getroffen. Noch lassen sich die Folgen aus Sicht der Forschung kaum abschätzen. Dennoch sind die Teilnehmenden des Tischgesprächs für die zweite Halbzeit der AlphaDekade zuversichtlich. Ein Gespräch über die Chancen des digitalen Schubs, die Professionalisierung von Lehrkräften und die längst überfällige Verankerung von Grundbildung im gesamten Bildungssystem.

Auswirkungen der Corona-Pandemie für die Alphabetisierung und Grundbildung

Die Corona-Pandemie sei der dramatischste Einschnitt in die Erwachsenenbildung seit dem Zweiten Weltkrieg, sagte Prof. Dr. Josef Schrader zum Einstieg in das Tischgespräch. Im ersten Lockdown seien 70 bis 80 Prozent der Veranstaltungen ausgefallen. Weiterbildungseinrichtungen sind in ihrer Existenz bedroht. Die überwiegend auf Honorarbasis tätigen Kursleitenden sind plötzlich ohne Beschäftigung gewesen.

Ähnliches schilderte Prof. Dr. Michael Schemmann für den Bereich der arbeitsorientierten Grundbildung. Große Teile der Zielgruppe seien nun in Kurzarbeit, die sich für die meisten nicht als Bildungszeit erwiesen habe. Der Zugang zu den Unternehmen sei erschwert, Grundbildung auf der Prioritätenliste von Unternehmen aufgrund häufig existentieller Herausforderungen wieder weit nach unten gerutscht.

Auch in der Forschung seien die Folgen spürbar, fügte Prof. Dr. Cordula Löffler hinzu. Befragungen der Lernenden im Rahmen von Forschungsprojekten sind zurzeit gar nicht oder nur stark eingeschränkt möglich.

Halbzeit-Stand: Erfolge der AlphaDekade

Die Einführung der Grundbildungszentren ist für Prof. Cordula Löffler der bislang wichtigste Erfolg der AlphaDekade. Sie bilden eine wichtige Anlaufstelle für Menschen mit gering Schriftsprachkompetenzen, da sie sehr unterschiedliche und individualisierte Angebote machen können.

Auch im Bereich der arbeitsorientierten Grundbildung fällt die Bilanz von Prof. Michael Schemmann positiv aus. Es sei gelungen, bei Lernenden, Lehrenden und Schlüsselpersonen in Unternehmen ein breites Bewusstsein zu entwickeln, Wissen aufzubauen und eine große Reichweite zu entfalten. Hierzu braucht es aber viel Überzeugungsarbeit und ein professionelles Bildungsmanagement.

Für Prof. Josef Schrader ist ein großer Erfolg der AlphaDekade, dass sie nach all den Jahren noch so intensiv arbeite – in den breitangelegten Netzwerken, zu denen Bund und Länder, aber auch Arbeitgebervertreter, Gewerkschaften oder die Bundesagentur für Arbeit gehören. Diese dauerhafte Kooperation über viele institutionelle Grenzen hinweg sei keineswegs selbstverständlich gewesen.

Diskussion WissenschaftlerInnen AlphaDekade

Moderatorin Sybille Bassler (links oben) im Gespräch mit Prof. Cordula Löffler (rechts oben), Prof. Michael Schemmann (links unten) und Prof. Josef Schrader (rechts unten). 

2. Halbzeit: Herausforderungen und Ziele der AlphaDekade bis 2026

Es gebe keinen Bereich ohne Handlungsbedarf, sagte Prof. Josef Schrader auf die Frage, wo es denn den größten Handlungsbedarf in der zweiten Hälfte der AlphaDekade gäbe. Obwohl das Lernangebot massiv ausgebaut worden sei, werde noch immer nur ein Bruchteil der Zielgruppe gering literalisierter Menschen erreicht. Die Verringerung geringer Literalität in der Bevölkerung erfordere nach wie vor eine große gemeinsame Anstrengung, die nicht nur mit zeitlich begrenzten Projekten zu bewältigen sei. Sprachliche Grundbildung bleibe eine Daueraufgabe in einer Zuwanderungsgesellschaft, die stabile institutionelle Strukturen über alle Bildungsbereiche und segmentierte Zuständigkeiten hinweg erfordere.

Prof. Cordula Löffler sieht den größten Handlungsbedarf bei der Professionalisierung der Lehrkräfte. Es fehle nach wie vor an Fortbildungsangeboten und an einer Vernetzung unter den Lehrkräften. Dazu gehöre auch eine angemessene Bezahlung und die Entwicklung eines Berufsbilds für Grundbildung.

Prof. Michael Schemmann wünscht sich für das Feld der arbeitsorientierten Grundbildung, dass der Weg der Institutionalisierung zu Ende gegangen werde; dass Grundbildung in Betrieben so normal wird, wie eine SAP-Schulung.

Die Corona-Pandemie als Chance nutzen. Digitalisierung vorantreiben.

Aufgrund der Corona-Pandemie sind Digitalisierungsprozesse in vielen Bereichen intensiviert worden. Darüber waren sich die Gesprächsteilnehmenden einig. Prof. Josef Schrader sieht eine einmalige Chance, dass alle Ebenen den Ausbau digitaler Strukturen in der Erwachsenenbildung als generische Aufgabe verstehen; dass es künftig Plattformen geben kann, die Konzepte, Tools und qualitätsgesicherte Unterrichtsmaterialien zur Verfügung stellen.

Prof. Cordula Löffler betrachtet die digitale Selbsterfahrung aktueller und künftiger Lehrkräfte als große Chance. Der von ihr geleitete Masterstudiengang „Alphabetisierung und Grundbildung“ wird ebenfalls stärker digital organisiert, was die Bereitschaft erhöhe, Vorbehalte gegen digitale Lehrformen abzubauen.

Prof. Michael Schemmann hat eine enorme Anpassungsfähigkeit vieler Lehrkräfte bemerkt, zum Beispiel Expertise beim Einsatz von Videomaterialien aufzubauen. Er hofft, dass diese Dynamik anhalten wird.

Moderation:
Sibylle Bassler, Fernsehjournalistin

Teilnehmende:
Prof. Dr. Cordula Löffler, Pädagogische Hochschule Weingarten
Prof. Dr. Michael Schemmann, Universität Köln
Prof. Dr. Josef Schrader, Deutsches Institut für Erwachsenenbildung