Wuppertal-Elberfeld: Die App-Tester

Im Lerncafé αlfred  probieren Menschen mit Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben unterschiedliche Lern-Apps aus. Gemeinsam wollen sie Kriterien für eine App formulieren, die besser zu ihren Bedürfnissen passt. Auch das MGH hat Überraschendes über eine Zielgruppe gelernt, über die sonst nur wenig bekannt ist.

Wuppertal MGH

Heiko Tschirner (r.) ist App-Tester im MGH Wuppertal-Elberfeld. Hier geht er zusammen mit Felix Schwanke, Experte für digitale Lernmedien, eine App durch – und gibt zu jeder Funktion eine Bewertung ab.

© BMBF/Fischer


Heiko Tschirner hat sich ein Spiel gewünscht. Nun steuert er mit seinen Fingern eine junge Journalistin durch das virtuelle Wohnzimmer auf dem Tablet. Er hat die Aufgabe, seinen Avatar auf ein Vorstellungsgespräch vorzubereiten. Heiko Tschirner drückt auf einen Stapel Briefe, über dem eine Lupe schwebt. Doch ein Bewerbungsschreiben für eine junge Akademikerin will er nicht verfassen. „Das sagt mir nichts“, sagt er und klickt sich zurück ins virtuelle Wohnzimmer.

Im Herbst 2018 hat Heiko Tschirner eine neue Aufgabe übernommen. Im Nachbarschaftsheim Wuppertal-Elberfeld ist er zum App-Tester geworden. Einmal in der Woche nimmt er sich eine neue  Lern-App vor. „Ankommen“, „Irmgard“, „ich-will-lernen.de“: Zwei Stunden lang gibt Heiko Tschirner Buchstaben ein, hört virtuellen Trainern zu und klickt zu vorgelesenen Worten auf die passenden Bilder.

Am Ende fällt er ein Urteil. Eine blecherne, monotone Computerstimme: Minuspunkt. Eine nachvollziehbare Auswertung am Ende jeder Übung: sehr gut. Keine Möglichkeit, einzelne Aufgaben eines Lernblocks neu zu starten: „Das kann ich so nicht weiterempfehlen“, sagt Heiko Tschirner.  

Die Zielgruppe soll selbst entscheiden, was funktioniert – und was nicht

Felix Schwanke schreibt mit, was Heiko Tschirner sagt. Gemeinsam mit seiner Kollegin Sabine Nagl hat der Soziologe und Experte für digitales Lernen das Angebot „App-Tester“ entworfen. Dutzende Lern-Apps gibt es mittlerweile auf dem Markt. Ursprünglich wollte das MGH diese Apps in ein offenes Lerncafé einbinden. Doch fast alle Apps, die Schwanke getestet hat, fielen bei ihm durch. Zu kompliziert waren ihm die einen, zu kindisch die anderen. „Irgendwann haben wir uns gefragt, warum wir uns da ein Urteil anmaßen. Die Zielgruppe muss selber entscheiden, ob sie so lernen will.“

Im Frühjahr 2018 hängten Sabine Nagl und Felix Schwanke die ersten Plakate in Elberfeld aus: „App-Tester gesucht. Workshop im Café αlfred“. Irgendwann blieb Heiko Tschirner stehen. Er weiß, dass er nicht gerne liest oder schreibt. Aber er hatte Zeit und bereits viele Spiele auf seinem Smartphone. „Ich hab gedacht, das könnte mir Spaß machen.“

Rund 40 Menschen haben bis zum Jahresende 2018 im Nachbarschaftsheim Lern-Apps getestet.  Auch das MGH hat dabei vieles über eine Zielgruppe gelernt, über die sonst nur wenig bekannt ist: So rät die Fachliteratur etwa davon ab, Geflüchtete und Erwachsene mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen gemeinsam zu unterrichten. Zu frustrierend seien die oftmals schnelleren Lernerfolge der einen für die anderen.

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Das MGH hat herausgefunden, dass viele Lern-Apps Schwächen haben. Manche passen nicht zur Lebenssituation der Lernenden. Andere sind zu kompliziert gestaltet. Auch für eine monotone, blecherne Stimme gibt es Minuspunkte.

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Viele Besucherinnen und Besucher wollen anderen beim Lernen helfen und bleiben deshalb am Ball

Im Nachbarschaftsheim hat es sich hingegen positiv ausgewirkt, dass im Lerncafé beide Gruppen zusammen kommen. Auch bei den deutschsprachigen Lernenden habe die BAMF-App „Ankommen“ am besten abgeschnitten, sagt die Bildungswissenschaftlerin Sabine Nagl. „Einige sagen uns, dass sie diese Apps testen, um die Geflüchteten zu unterstützen. Wir merken aber, dass es oftmals auch um sie selbst geht.“ So erfährt das Team viel über die Motivation und das Lernverhalten von Menschen, die kaum offen sagen würden, warum ihnen das Lesen und Schreiben so schwerfällt.

Auf dieser Grundlage hat das MGH nun neue Angebote geschaffen: den Kochtreff Alfa zum Beispiel.  Auch will das Mehrgenerationenhaus künftig stärker auf die aufsuchende Arbeit im Viertel setzen. „Wir möchten die Themen aufgreifen, die im Alltag der Zielgruppe ohnehin eine Rolle spielen. Und wir wollen unsere Möglichkeiten intensiver nutzen, im Viertel unterwegs zu sein. Unsere bisherigen Erfahrungen und unsere gute Vernetzung werden wir intensiv in die Bildungsarbeit einbinden“, sagt Gabriele Kamp, Vorstandsvorsitzende des Trägervereins Nachbarschaftsheim Wuppertal e.V.  

Heiko Tschirner will auch in Zukunft regelmäßig Apps testen. Er hat sich ein Ziel gesetzt: Er will die Entwicklerteams aller Apps anschreiben, die er ausprobiert hat. „Es ist doch wichtig, dass sie wissen, was gut ankommt und was gar nicht geht“, sagt er. Das Team vom Café αlfred wird ihn dabei unterstützen.

Die besten Apps hat sich Heiko Tschirner auf sein Handy geladen. Manchmal nutzt er sie in der Bahn, zu Hause, im Wartezimmer. Er hat angefangen, seinen Freunden von den Apps zu erzählen. Da stoße er aber oft auf taube Ohren. „So ein großer YouTuber müsste mal Werbung dafür machen, jemand wie LeFloid. Das wär’s.“

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Das Format App-Tester soll Menschen spielerisch zum Lernen animieren. Geplant ist aber auch, eine eigene Lern-App zu entwickeln, die das Feedback der Teilnehmenden berücksichtigt.

© BMBF/Fischer


Jedes andere MGH kann die Idee ebenfalls umsetzen

Auch diesen Vorschlag hat Felix Schwanke notiert. Gemeinsam mit Sabine Nagl stellt er die Idee der App-Tester  und die gewonnenen Erkenntnisse regelmäßig auf Tagungen vor. Im Grunde sei das Angebot ohne Aufwand durch jedes MGH umzusetzen, das über einige Tablets verfügt. Felix Schwanke: „Wir stellen unsere Ergebnisse jedem, der Interesse hat, zur Verfügung.“ 

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Die App-Tester gehören zum Lerncafé „αlfred“, das Sabine Nagl im Rahmen des Sonderschwerpunkts ins Leben gerufen hat.

© BMBF/Fischer


Das Mehrgenerationenhaus in Wuppertal-Elberfeld

  • Das Nachbarschaftsheim Wuppertal versteht sich als offener Treffpunkt mit Angeboten für Menschen in allen Lebenslagen: von Krabbelgruppen über kulturelle und pädagogische Angebote bis hin zur Unterstützung bei sämtlichen Fragen rund um Ausbildung und Beruf. Das Wissen und die Erfahrung aller Generationen sollen dabei einbezogen sein.
  • Im Sonderschwerpunkt „Förderung der Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen“ bietet das MGH das Lerncafé αlfred mit dem Lernangebot „App-Tester“ und dem offenen Kochtreff Alfa an.
  • Das Nachbarschaftsheim Wuppertal  ist  seit mehr als 70 Jahren in der sozialen Arbeit tätig und seit 2007 ein Mehrgenerationenhaus im gleichnamigen Bundesprogramm des Bundesfamilienministeriums.
  • Elberfeld ist mit knapp 67.000 Einwohnern der größte Stadtteil Wuppertals. Statistisch gesehen leben hier rund 10.000 Menschen, die nicht ausreichend lesen und schreiben können und daher in die Zielgruppe des Sonderschwerpunkts fallen.